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Ingo Rechenberg Bionik und Evolutionstechnik Technische Universität Berlin |
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Eine bionische Welt im Jahr 2099 |
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Prolog: Sinn und Unsinn technischer PrognosenNeue Wissenschaftsdisziplinen entstehen und vergehen. Kybernetik, Synergetik, Adaptronik geraten langsam in Vergessenheit. Die Bionik hat sich (seit 1958) unerschüttert behaupten können, und ich bin überzeugt, dass dies so bleibt. So ist es nicht abwegig, über eine bionische Welt im Jahr 2099 zu spekulieren. Um die Überschrift aufzunehmen: Sinn der Prognosen ist ein Spiel mit Möglichkeiten, die zeigen, dass es noch Wünsche gibt, deren Erfüllung ich von der Bionik erwarte. Unsinn ist es, Prognosen für bare Münze zu nehmen. Die Prophezeiung Lord Kelvins im Jahr 1895: „Flugmaschinen schwerer als Luft wird es nie geben“, hat sich noch zu seinen Lebzeiten als falsch erwiesen. Andrej D. Sacharow (Vater der russischen Wasserstoffbombe) sagte 1983 voraus: „Für den Individualverkehr wird das Auto durch ein batteriegetriebenes Fahrzeug auf mechanischen Beinen ersetzt, das weder die Grasnarbe verletzt noch asphaltierte Straßen benötigt“. Hier glaube ich liegt er daneben. Überprüft man Prognosen der Vergangenheit auf ihr mögliches Eintreffen, so stellt sich heraus, dass sie kurzzeitig zu optimistisch und langzeitig zu pessimistisch waren. Ich werde deshalb auch für kleine bionische Fortschritte größere Zeitspannen einplanen. Denn Tatsache ist, dass in einer komplexer werdenden Welt Entwicklungen immer länger dauern. Mögen Journalisten noch so oft verheißen, technische Entwicklung ginge immer schneller voran. Edisons Phonograph hat vielleicht ein Jahr bis zum Erstverkauf gebraucht. Der Plasma-Bildschirm (1966 von Wissenschaftlern an der Universität von Illinois in den USA erfunden) hat bis zur Markteinführung 30 Jahre benötigt. |
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Bionische Fertigung im Jahr 2099 Autos, die wie im Bild 1 gesät, pflanzenähnlich wachsen und fahrbereit geerntet werden – so etwas gibt es auch im Jahre 2099 nicht. Dennoch, die Fertigungstechnik hat sich revolutionär geändert. Denn im Vergleich zur biologischen Molekular-Fertigung sind die dem 19. und 20. Jahrhundert entstammenden Produktionsmethoden als plump zu bezeichnen: Durch monströse Maschinen wurde das Werkstück von außen in seine Form gezwungen. Bionische Fertigung im Jahre 2099 heißt, molekulare Selbstorganisation formt das Werkstück von innen heraus. Viele Ideen der Bioniker werden erst durch diese bioanaloge Produktionsmethode realisierbar. |
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Bild 1: Bionik pur? - Die gereiften Automobile werden eingefahren |
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Die Geburtsstunde der atomar-molekularen Fertigung schlug im Jahre 1990. In diesem Jahr konnten mit dem kurz zuvor erfundenen Raster-Tunnel-Mikroskop als Atommanipulator 35 Xenonatome so auf einer Nickelkristall-Oberfläche positioniert werden, dass der Name einer bekannten Computerfirma lesbar wurde. Bestärkt durch diese Leistung traten die Verkünder der Nanotechnologie auf den Plan, die den kostengünstigen Aufbau von Materie durch universelle Nanomonteure propagierten. Achsen mit dreiatomigem Querschnitt, die sich in Benzolring-Lagern drehen. Molekulare Fließbänder, die von einem Nanoroboter bedient werden. So stellten sich Ende des 20. Jahrhunderts die Nanotechnologen eine zukünftige Fertigungstechnik vor. Aber molekulare Fertigung gehorcht anderen Gesetzen als ihr Pendant in der Makrowelt. Es müssen Ähnlichkeitsgesetze und quantenphysikalische Wirkungen berücksichtigt werden. Molekulare Fertigungstechnik muss aber nicht neu erfunden werden. Eiweißmoleküle sind pure molekulare Fertigungsmaschinen. Nanotechnologie wird so zu einer bionischen Schlüsseldisziplin. Molekulare Selbstreplikation, molekulare Erkennung und Wachstum haben sich 2099 als die drei Grundpfeiler einer nanobionischen Fertigung erwiesen. Bereits zur Jahrtausendwende gelang es Chemikern, einfache selbstreplikationsfähige Moleküle zu erschaffen (Bild 2). Im Jahr 2099 ist die Synthese sich selbst verdoppelnder Moleküle zu einer chemischen Grundoperation geworden. Dabei hat eine neue Forschungsdisziplin unter dem Namen Replionik (Selbstvermehrungs-Chemotechnik) die Entwicklung außerordentlich beschleunigt. Die Replionik hat vor allem daran gearbeitet, selbstreplizierende Moleküle auf einer anderen als der Kohlenstoffbasis zu entwickeln. Das ist mit Silizium weitgehend gelungen. Science-Fiction-Autoren haben ja schon im 20. Jahrhundert über Silizium-Leben (als Pendant zum Kohlenstoff-Leben) spekuliert. Denn Silizium weist ähnliche vielseitige chemische Bindungseigenschaften auf wie Kohlenstoff. Die Schaffung sich selbstvermehrender Moleküle auf Siliziumbasis war fundamental wichtig: Die Befürchtung, dass künstliches und natürliches Leben sich unkontrolliert vermischen könnten, war gebannt. |
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Bild 2: Schema sich selbst replizierender Moleküle |
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Selbstreplizierende Moleküle ergeben allein noch keine neue Fertigungstechnologie. Die Moleküle müssen sich von selbst zu Strukturen, Überstrukturen, Über-Überstrukturen ... organisieren. Deshalb wurde kurz nach dem Aufkommen der Replionik die Schwesterdisziplin der Auxonik (Wachstums- und Gestaltbildungs-Chemotechnik) begründet. Wegbereiter für diese „neue Chemie“ wurde die Morphobionik, deren Ziel es ist, die gestaltbildenden Prinzipien des ontogenetischen Wachstums für die technische Form- und Funktionsgebung einzusetzen. Die bionischen Unterdisziplinen Replionik und Auxonik bilden Ende des 21. Jahrhunderts die Schüsseltechnologien für eine bionische Fertigungstechnik (Bild 3). |
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Bild 3: Die neue Fertigung ― Wachsen versus Spanen |
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Zur Wende in das anstehende 22. Jahrhundert wird eine weitere revolutionierende Fertigungstechnik diskutiert: Die skalierte Selbstorganisation. Was in der Welt der Biologie möglich ist, dass Hormone ontogenetische Selbstorganisations-Phasen zum richtigen Zeitpunkt an- und abschalten und so die Proportionen des Phänotyps bestimmen, sollte auch technisch (diesmal extrem gesteigert) machbar sein. Dann könnten technische Objekte im handlichen Maßstab konstruiert, funktionell erprobt und dann durch Zugabe von Skalierungsstoffen z. B. 1000fach vergrößert oder verkleinert gefertigt werden (Bild 4). Für die nanobionische Zukunftssicht wird es eher die Verkleinerung sein. |
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Bild 4: Maßstabsänderung durch skaliertes Wachstum |
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Dabei gilt es, nach der Theorie der Bionik die universell gültigen beltistometrischen Gesetze einzuplanen. Die Beltistometrie (griechisch: mit bestem Maß) ist eine Erweiterung der von Biologen definierten Allometrie (griechisch: mit anderem Maß). Ein beltistometrisches Gesetz gibt an, in welchem Verhältnis zueinander sich die Variablen einer Optimalkonstruktion ändern müssen, damit bei Vergrößerung oder Verkleinerung des Objekts die Optimalität erhalten bleibt. |
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Materialien und Funktionswerkstoffe Werkstofftechnik und Fertigungstechnik gehen 2099 Hand in Hand. Es ist primär der Werkstoff, der durch seine speziellen Eigenschaften und den ihm innewohnenden Selbstorganisationszwang, gekennzeichnet durch Selbstreplikation, molekulare Erkennung und Wachstum, die stoffliche Welt des Menschen im Jahr 2099 entstehen lässt. Hoch beanspruchte Konstruktionen werden vornehmlich aus Ossit hergestellt. Ossit ist ein biomimetischer Werkstoff, der Eigenschaften der Spongiosa (Knochenbälkchen) in den Knochen der Wirbeltiere nachbildet. Brechen wir uns z. B. einen Schenkelknochen und wachsen die Bruchstücke etwas verdreht wieder zusammen, so richten sich in einem Selbstorganisationsprozess die Knochenbälkchen in Richtung der Hauptspannungsflüsse aus. Das Geheimnis von Ossit sind metallische NanoStabkristalle, die in einer dem Knochenmaterial nachgebildeten supramolekularen Matrix eingelagert sind (Bild 5). Wird Ossit belastet, entsteht in dieser Matrix ein elektrisches Feld, dessen Feldlinien den Spannungsrtrajektorien folgen. Wie Elementarmagnete richten sich nun die Stabkriställchen von Ossit nach diesen Feldlinien aus. Die trajektorienorientierten Whiskers führen zu einer enormen Festigkeitszunahme des betreffenden Werkstücks unter der gegebenen Belastung.. |
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Bild 5: Werkstoff mit trajektorienorientierter Selbststrukturierung |
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Eine Ossit-Brücke darf deshalb in der ersten Woche nur von Fußgängern, in der 2. Woche auch von PKWs und in der 3. Woche zusätzlich noch von LKWs benutzt werden (Bild 6). Die Weiterentwicklung von Osssit, das Novo-Ossit, imitiert zusätzlich die biologische Eigenschaft der Selbstheilung. Mikrorisse in Materialien verschwinden durch eine sofort einsetzende trajektorienorientierte Rekristallisierung des Materials. Novo-Ossit ist ein Verkaufsschlager im Jahre 2099 |
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Bild 6: Ossit-Brücke in der ersten, zweiten und dritten Woche nach der Eröffnung |
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Ein exotischer Funktionswerkstoff im Jahr 2099 ist Annelidin. Bioniker sind auf diesen Stoff durch das Studium der Wattwürmer (Anneliden-Art) gestoßen. Die zu lösende Aufgabe lautete: Erfinde eine Substanz, die bereits in geringsten Mengen dem Wasser beigemengt eine Partikelverklebung bewirkt. Modellhaft dafür steht der Wattwurm, der seine U-förmigen Gänge im Meeresboden durch einen klebrigen Schleim verstärkt. – Ein Stoff, den man als „Wasserverfestiger“ bezeichnen könnte, ist Ingerferm. Bei der Entwicklung dieser Substanz stand der Schleimaal (Inger) Pate. Schleimaale hüllen sich bei nahender Gefahr in einen volu-minösen konsistenten Schleimklumpen ein, wobei auch hier geringster Substanzverbrauch Grundsatz der Evolution ist. Annelidin und Ingerfirm werden von Kleinstrobotern benötigt, sowohl um Lecks in Wasser-leitungen und Wassertanks zustopfen, als auch um Deiche dicht zu halten. Ein weiteres biomimetisches Material im Jahr 2099 ist Resilinex (Resilin extended). Resilin ist ein Gum-miprotein, das von Insekten als kurzeitiger potentieller Energiespeicher eingesetzt wird. Sagenhafte 97% be-trägt der elastische Wirkungsgrad des Rückschnell-Resilins in den Flügelgelenken der Heuschrecke. Das Stu-dium des funktionellen Aufbaus von natürlichem Resilin hat die Chemiker befähigt, den Wirkungsgrad von syn-hetischem Resilin auf 99% zu steigern. Ein Superball des Jahres 2099, aus 1 m Höhe fallengelassen, springt nach dem 50. Rückprall immer noch 60 cm hoch (Bild 7). Der Wham-o Superball aus dem Jahr 2005 (h = 92%) brachte es nach dem 50. Aufprall auf nur noch 1,5 cm. Ein Trampolin aus Resilinex wird zu einem sehr gefährlichen Sportgerät, weil ein geübter Springer sich damit theoretisch bis zu 30 m Sprunghöhe hochschaukeln könnte. ― Resilinex ist 2099 als Energiespeicher für kraftvolle Kurzzeitaktionen bei Mikrorobotern unentbehrlich. Beispiele für solche kurzzeitigen Kraftaktionen finden sich in der Natur beim Floh und beim Schnellkäfer. |
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Bild 7: Resilinex- Superball des Jahres 2099 |
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Ein völlig anderes Ziel verfolgt die Entwicklung von PROMIM (Abkürzung für Protein-Mimese). Mit dem Multifunktionswerkstoff PROMIM kann man so ziemlich alles herstellen, von der optischen Linse bis zum Halbleiter. Ein PROMIM-Produkt wird zwar niemals so leistungsfähig sein wie das Konkurrenzprodukt aus dem fachgemäßen Spezialwerkstoff. Der Vorteil von PROMIM: Alles kommt in einen Recyclingtopf (siehe Kapitel: Bionik der Abfallbeseitigung). Seit eh und je bewundern Ingenieure das Spinnennetz. Es ist gar nicht so sehr die sagenhafte Festigkeit des Spinnenfadens. Es ist die außergewöhnliche Dehnbarkeit des Fadens und damit die Energie, die von einem Spinnennetz absorbiert werden kann, was den Ingenieur fasziniert. In der Natur müssen die Fäden eine Biene stoppen, die mit rund 30 km/h in das Netz fliegt. Im Jahr 2099 ist es Vorschrift, dass jede Start- und Landebahn eines Flughafens mit einem überdimensionalen künstlichen Spinnennetz endet. Flugzeuge, die über die Start bzw. Landebahn hinausschießen oder gar landeunfähig sind, werden mit einem heraus-kata-pultierten künstlichen Spinnenetz aufgefangen. Die Technik erinnert an die sportliche Fangtechnik netzwerfender Spinnen. Schließlich ist es die enorme Energieabsorption von künstlichen Spinnenfäden, wodurch die voluminöse kugelsichere Weste vergangener Zeiten im Jahr 2099 zum dünnen T‑Shirt mutiert. Energietechnik 2099Erdöl und Erdgas sind zur Rarität geworden. Kohle als Energieträger scheidet wegen des CO2-Problems aus. Das Zeitalter der solaren Wasserstofftechnologie ist angebrochen. Wasserstoff wird bereits seit Mitte des 21. Jahrhunderts weltweit durch künstliche Photosynthese gewonnen. Vorbild der Wasserspaltung ist ein Verbundprozess, wie er in der Blaualge Nostoc muscorum zwischen den vegetativen Zellen und den Heterocysten-Zellen stattfindet. Der Zwei-Zellen-Trick verhindert, dass nativer Wasserstoff wieder in Kontakt mit dem Sauerstoff gerät (Knallgasbildung). Dies geschieht durch: 1. Bindung des Wasserstoffs der solaren Wasserspaltung an ein Transportmolekül in der vegetativen Zelle. 2. Lösung des zwischengespeicherten Wasserstoffs aus dem Transportmolekül in der Heterocysten-Zelle. Wie bei der technischen Elektrolyse entstehen so Sauerstoff und Wasserstoff räumlich getrennt. Das Bild 8 zeigt eine solare Nostoc-Wasserstoff-Farm in der Sahara mit einer Spitzenleistung von 600 kW. |
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Bild 8: Heliomiten in der Sahara ― Solare H2-Produktion 2099 |
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Ein anderes Konzept zur photobiologischen H2-Produktion ist der Algensee (Analogon zur vegetativen Zelle von Nostoc) und der angekoppelte Purpurbakteriensee (Pendant zur Heterocyste von Nostoc): Kohlendioxid als Transportmolekül wird im Algensee mit Wasserstoff beladen (Kohlenhydratbildung) und im Purpurbak-teriensee wieder entladen. Der Purpurbakteriensee muss nicht wasserstoffdicht abgedeckt weren. Die Was-serstoff-Freisetzung erfolgt an lokal beschallten Stellen. Es konnte durch Gen-Manipulation die Membran von Purpurbakterien so umkonstruiert werden, dass sich deren H2-Durchlässigkeit durch Ultraschall steuern ließ. Nachdem der Wirkungsgrad des H2-Stoffwechsels der Algen und Purpurbakterien gentechnisch beträchtlich erhöht werden konnte, kommt das Zwei-Seen-Konzept auf einen solaren Wirkungsgrad von 9%. Zum gleichen Zeitpunkt kann allerdings das klassische Konzept (Solarzelle + Elektrolyseur) mit einem Wirkungsgrad von 15% brillieren. Deshalb wird von den Bionikern 2099 das biotechnologische ArBAS-Konzept (Artifizielle Bakterien Algen Symbiose) eher als ein Denkmodell angesehen, um eine Verfahrensidee zu studieren. Es gilt, die biologischen Komponenten des Zweistufenprozesses durch künstliche Systeme zu ersetzen. Dabei ist ein wissenschaftlicher Durchbruch richtungweisend: Die 2090 geglückte Erzeugung von primitivem Leben auf Siliziumbasis. Damit könnte – so die Vorstellung der Bioniker – ein Engpass der pflanzlichen Photosynthese beseitigt werden, nämlich das mit 0,04% Konzentration fast als ein Spurengas zu bezeichnende Kohlendioxid aus der Umgebung herauszufiltern. An die Stelle von Kohlendioxid tritt nun ein Siliziumdioxid-Komplex. Man hält es für machbar, durch Nachbildung des ArBAS-Prozesses auf der Basis von Silizium-Leben einen solaren Wirkungsgrad der Energiespeicherung von 35% zu erreichen. Das Kohlenhydrat-Analogon mit dem am Silzium-Sauerstoff-Komplex gebundenen Wasserstoff lässt sich leicht transportieren. Durch Erhitzung lässt sich der Wasserstoff herauslösen. Das Endprodukt ist Quarzsand, der sich problemlos entsorgen bzw. recyceln lässt. Der „Fluch“ der geringen solaren Energiekonstanten bleibt auch im Jahr 2099 erhalten. Um zählende Energiebeiträge zu ernten, müssen Ingenieure große Areale mit bionischen Photosyntheseanlagen bedecken. Bau, Erhalt und Betrieb der Anlage müssen sich rechnen. Das Entstehen der Plastik-Treibhausfelder an Spaniens Südküste vor 100 Jahren, die sich im Laufe des 21. Jahrhundert weit über die nordafrikanische Küste hinweg ausgebreitet haben, zeigt, welch riesige Areale Menschen technisch überdecken können. Die Energie speichernde Photosynthese des 22. Jahrhunderts mit Hilfe von „Silizium-Leben“ soll an einer Substratfolie (Silizium-Moos genannt) stattfinden, an deren Unterseite sich das Silizium-Kohlenhydrat-Analogon abscheidet (Prinzip der Kartoffel). Über einen Wasserstrom wird das Wasserstoff-Speichermolekül von der Folienunterseite abgelöst und an den Verbraucherorten zu Wasserstoff weiterverarbeitet. Diese Art der Sonnenenergie-Ernte wird bevorzugt von den Ländern betrieben, die auch im 20. Jahrhundert als Energielieferanten (Erdöl) galten. Windenergie-Anlagen, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts wegen ihrer die Landschaft belastenden visu-ellen Unruhe an Wertschätzung verloren, erfahren eine Blütezeit. Der Grund ist eine Erfindung, die es erlaubt, Windenergie ohne sichtbar bewegliche Elemente zu ernten. Der starre Strömungswandler beruht auf einer Umkehrung des Phänomens des elektrischen Windes. Elektrische Ladung wird vom Wind entgegen des Feldstärkegefälles transportiert. Die Anwendung des nanostrukturierten Luft-Ionisierungsgitters rechnet sich aber nur, wenn die Erntefläche der Windenergie drastisch verkleinert wird. Dies wird möglich durch den Einsatz eines Windkonzentrators. So erlebt die bionische Entwicklung der Konzen-trator-windturbine BERWIAN aus den 1980er Jahren eine Wiederauferstehung. Der nach dem Prinzip des aufgespreizten Vogelflügels konzipierte Windbeschleuniger konnte soweit verbessert werden, dass eine 4-fache Geschwindigkeitserhöhung erreicht wird. Die Leistung einer Windkraftanlage steigt mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit. Bei verlustlos angenommener Transformation der Energiedichte wird so die um den Faktor 43 = 64 gestiegene Leistungsdichte von einer Fläche abgeerntet, die sich gegenüber der Anlagen-Stirnfläche um den Faktor 1/43 = 1/64 verkleinert hat (Bild 9). |
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Bild 9: Vom Vogelflügel zum BERWIAN NT |
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Besonders patente Herstellungsmethoden im Jahr 2099 basieren auf selbstorganisierende „ontoge-ne-tische“ Prozesse: Gewünschte Strukturen ordnen sich von selbst so an, dass ein gebrauchsfertiges Produkt entsteht. Nach diesem Schema funktioniert die solare Energiefarbe (Bild 10). Dieser sonderbare Anstrich härtet erst aus, wenn er durch aufgesetzte Elektroden unter Strom gesetzt wird. Dabei kristallisiert das Material – radial von den Elektroden ausgehend – so in einen Ordnungszustand aus, dass in der fertigen Schicht bei Lichteinfall ein umgekehrter aktiver Stromfluss eintritt. Zwar beträgt der Wirkungsgrad der Solarfarbe im Jahre 2099 nur magere 6%. Aber der Einsatz von Solarfarbe steigt von Jahr zu Jahr, da nun jeder Hausanstrich neben der optischen Wirkung einen zusätzlichen Nutzen erbringt. |
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Bild 10: Solare Energiefarbe ― Entwicklung des Herrmann-Hesse-Instituts |
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Mobilität im Jahre 2099Mobilität zu Lande, zu Wasser und in der Luft ist eine Grundeigenschaft des Lebens. Eisbären wandern auf der Jagd zirkumpolar 10 000 Kilometer im Jahr, Aale schwimmen zum Laichen in die 10 000 km entfernte Sargassosee und der einwöchige Nahrungsflug eines Albatros während der Brutphase führt ebenfalls über 10 000 km. Was die Natur vormacht will auch der Mensch im Jahre 2099 nicht missen. Die Wertschätzung naturnaher Verhaltensweisen und Techniken geht jedoch nicht so weit, dass bei der Fortbewegung auf dem Lande das radgetriebene Fahrzeug durch zwei- vier- oder sechsbeinige Laufmobile ersetzt wird. Wo der Mensch Verkehrswege ebnet, dominiert immer noch das Rad. Diese energiesparende Fortbewegungsart wäre gewiss auch der biologischen Evolution eingefallen, wenn es in den natürlichen Landschaften der Erde die notwendigen Fahrbahnen gegeben hätte. (In der Wüste gibt es rollende Spinnen und wie ein Raupenschlepper sich windende Schlangen). Die Fortschritte im Straßenverkehr des Jahres 2099 (die Ökoapostel mögen darüber hinwegkommen, dass es immer noch Straßen gibt) betreffen vornehmlich die Sicherheit. So wie im Mücken- Fisch- oder Vogelschwarm keine Kollisionen auftreten, gibt es im Straßenverkehr eine automatische Abstandskoordination, die – geschwindigkeits- und positionsabhängig – Autos wie gleichgepolte Magnete auf Distanz „presst“. Vieles haben die Ingenieure dabei von den Sonarsystemen der Fledermäuse und Delfine gelernt. Auch das Seitenlinienorgan der Fische war ein Studienobjekt auf dem Weg zu einer effektiven Schwarmregelung. Im Jahr 2045 wurde das DPS (Distance Positioning System) eingeführt, das seinen Namensvetter GPS (Global Positioning System) nicht etwa ablösen, sondern ergänzen sollte. Das DPS arbeitet autonom dezentral. Das Tower-Lotsen-System zur Steuerung der Luftfahrzeugbewegungen musste in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts mehr und mehr eingestellt werden. Die zunehmende Luftverkehrsdichte konnte zentral von Fluglotsen nicht mehr bewältigt werde. Es sind bionische Schwarmregelungs-Algorithmen, die im Jahre 2099 dezentral autonom mit Hilfe des DPS die Flugbewegungen koordinieren. Wieder einmal erweist sich, dass zentrale Kommandosysteme in komplexen Umwelten nicht mehr arbeitsfähig sind. Lebewesen sind selbstreparierende Systeme. Auf einer Standfestigkeitsskala würden Lebewesen ganz oben stehen. Am untersten Skalenende befänden sich u. a. Hauptverkehrsstraßen und Autobahnen. Permanent müssen sie auch 2099 bis auf den Grund erneuert werden. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Aber 2099 werden erste Fahrbahnbeläge erprobt, die Eigenschaften des Knochen- und Baumwachstums imitieren. Stellen erhöhter Belastung erfahren eine von innen kommende Materialverstärkung, die den Abrieb kompensiert. Risse im Straßenbelag wachsen durch Rekris-talli-sationsvorgänge von selbst wieder zusammen. Und der „lebende“ Straßenbelag glättet sich durch einebnende Fließvorgänge von selbst. Der bionische Straßenbelag ist zwar noch sündhaft teuer, aber er bedarf 50 Jahre lang keiner Reparatur. Eine andere biologisch inspirierte Erfindung für das Verkehrswesen ist Delfiplaque, ein hochgradig schallabsorbierender Fahrbahn-Rad-Belag Das Material Delfiplaque entstand als Spin-off-Produkt im Zuge der Forschungen zum Phänomen des Delfinhaut- und Sandskinkeffekts. Delfiplaque setzt sich aus zwei Komponenten zusammen. Eine Komponente muss auf die Oberfläche der Straße oder Schiene, die andere auf die Räder aufgebracht werden. Das Ineinandergreifen beider Molekülstrukturen erzeugt bei Schall, wenn er auf der einen Seite entsteht, auf der Gegenseite einen phasenverschobenen Gegenschall. Original- und Gegenschall löschen sich durch Interferenz aus. So rollen Autos und Bahnen auf Delfiplaque-Oberflächen nahezu geräuschlos durch Stadt und Land. „Molekularer Schall“ ist nach der Vorstellung der Nanotribologen und Tribobioniker auch Ursache der Festkörperreibung. So gab es anfänglich die Schwierigkeit, dass man auf einem Delfiplaque-Belag nur schwer bremsen konnte. Erst als es gelang, molekulare Schallfelder frequenzabhängig zu steuern, und man Schallauslöschung auf den menschlichen Hörbereich begrenzte, konnte Delfiplaque seinen Siegeszug antreten. Bei der Entwicklung von Delfiplaque XT im Jahr 2099 wird molekularer Schall sogar außerhalb des Hörbereichs verstärkt. Die verstärkte Energiedissipation bewirkt, dass die Reibung zwischen Fahrbahnbelag und Rad beim Bremsen beträchtlich zunimmt. Der Verkehr zu Wasser findet 2099 mehr und mehr unter der Oberfläche statt. In der Natur gibt es ja auch kein schnelles Wassertier, das auf der Oberfläche schwimmend dem Wellenwiderstand trotzt. Bei der Konzeption von Verkehrs-U-Booten gelangen konsequent alle trickreichen Erfindungen zur Verminderung des Reibungswiderstands zu Anwendung, wie sie die Evolution bei schnellen Wassertieren hervorgebracht hat. Schnelle Unterwasserboote besitzen nach dem Vorbild der Delfine im Frontbereich elastisch-dämpfende Oberflächenaufträge. Durch diesen Trick wird der Bereich gering reibender laminarer Strömung stromab ausgedehnt. Ein Verkehrs-U-Boot im Jahr 2099 besitzt selbstverständlich im rückwärtigen Teil rillenförmige Mikrostrukturen, die denen von Haifischschuppen nachgebildet sind. Durch diese Führungsrillen werden turbulente Schlingerbewegungen gedämpft und damit weitere Reibungsverluste eingespart. Schließlich werden in Bereichen besonders hoher turbulenter Reibung durch Lufteintrag in die Grenzschicht Mikroblasenschleier erzeugt, die den örtlichen Reibungswiderstand besonders stark reduzieren (bis zu 80 Prozent, wobei allerdings Energie zugeführt werden muss). Das Unterseeschiff 2099 erfährt so gegenüber dem wellenerzeugenden klassischen Schiff eine Reduktion des Gesamtwider-standes von 85%. Am Flugzeug im Jahr 2099 ist die gerillte Haifischoberfläche ebenfalls zur Regel geworden. Dabei wird nicht mehr wie gegen Ende des 20. Jahrhunderts mit selbstklebenden Ribletfolien gearbeitet, sondern es gibt selbstorganisierende Anstriche, die im frischen Zustand während so genannter Formierungsflüge – von den Schubspannungen gesteuert – eine Längsrillenstruktur annehmen. Das Flugzeug war von Anbeginn eine bionische Erfindung. In der Mitte der Rumpf, vorn der Flügel und hinten das Leitwerk: Das ist die Lösung der biologischen Evolution, die der optimierende Ingenieur nicht besser hat konzipieren können; und das gilt auch im Jahr 2099. In einigen Details ist das Flugzeug sogar noch vogelähnlicher geworden. Aufgespreizte Flügelenden, Multi-Winglets genannt, zieren jedes Flugzeug. Dieser aerodynamische Kunstgriff setzt bei Flügeln begrenzter Streckung den Randwirbelwiderstand um 10 bis 15% herab. Vom Vogel inspiriert ist auch der aerodynamische Trick der künstlichen Deckfedern. Das Deckfeder-Phänomen war schon 1995 bekannt: Wenn sich bei hoher Flügelanstellung vorn auf der Flügeloberseite ein hoher Unterdruck aufbaut kehren wandnahe abgebremste Strömungsteilchen ihre Strömungsrichtung um. Die rückströmende Grenzschicht hebt die Hauptströmung von der Flügeloberfläche ab und es kommt zur Strömungsablösung mit dem gefürchteten Auftriebszusammenbruch. Die biegeweichen Deckfedern der Vögel fungieren als Ablösebremsen, indem sie wie Rückschlagventile eine umgekehrte Strömung nicht passieren lassen. Die Ablösebremsen 2099 werden nicht mehr mechanisch durch sich abhebende fingerförmige Klappen realisiert. Stattdessen wird ein bremsender Ionenwind erzeugt, der die Grenzschicht-Rückströmung aufhält. Oberflächenkämme in Mikrometergröße mit stromab weisenden Nano-Zinken injizieren Elektronen in die Grenzschicht. Luftmoleküle werden ionisiert, die sich dann stromab zur in die Oberfläche eingelassenen Anode bewegen. Es waren die Ladungs-Abstreifkämme des Sahara-Sandskinks, die bei der Entwicklung der Elektronen emittierenden Nano-Spikes Pate gestanden haben. Die Besonderheit des Vogelfluges ist der Schwingenantrieb. Doch es gibt auch im Jahre 2099 keine Verkehrsflugzeuge mit schwingenden Flügeln. Es ist kaum machbar, einen 30 Meter langen Flügel nach Vogelart auf- und abzuschwingen. Die vordergründige Naturkopie ist aber auch nicht Ziel der Bionik. Der Bioniker fragt nach den Prinzipien, die einer Lösung der biologischen Evolution innewohnen. Die Antwort: Beim Schwingenantrieb wird Luft über der ganzen Spannweite erfasst und beschleunigt. Die große Luftmasse muss, um den notwendigen Schub zu erzeugen, dann nur wenig beschleunigt werden. So wird weniger (mit dem Quadrat der Geschwindigkeit anwachsende) kinetische Verlustenergie hinter dem Flugobjekt zurückgelassen als beim Schubstrahl eines Strahltriebwerks. Energetisch ideal ist es, nur die durch Reibung am Flugobjekt abgebremsten Luftpartikel wieder auf die ursprüngliche Geschwindigkeit zu beschleunigen. Hinter einem solchen Flugobjekt herrscht, wenn es vorbei geflogen ist, vollkommene Ruhe. Es hinterlässt keine kinetische Verlustenergie. So ist es gerechtfertigt, von einer Nachahmung des Schwingenfluges zu sprechen, wenn 2099 das Integraltriebwerk erprobt wird. Das Integraltriebwerk verzahnt Widerstands- und Vortriebserzeugung. Streifenförmige in die Oberfläche eingebettete elektronische Treibbänder (Plasma-Aktuatoren genannt) beschleunigen die abgebremste Strömung. Der Aktuator-Flieger operiert in einer Flughöhe von 20 000 Meter. Wie bei der evakuierten Elektronenröhre wird hier die Elektronenemission erleichtert. In Konkurrenz zu diesem elektrischen Integralantrieb steht im Jahre 2099 ein thermodynamisch-akustisches System, das in der Form einer Wanderwelle die Strömung beschleunigt. Die energiesparenden Wellenantriebe eignen sich nur für den Reiseflug (Bild 11). Für des Starten und Steigen eines Plasma-Fliegers müssen singuläre Hochschub-Triebwerke eingesetzt werden, die in Reiseflughöhe eingefahren werden. Bedingt durch einen Lawineneffekt besitzen die Plasma-Flieger des Jahres 2099 einen um 80% reduzierten Treibstoffverbrauch. |
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Bild 11: Aktuator-Verkehrsflugzeug 2099 (von einer Wolke verdeckt ) |
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Bionik der AbfallbeseitigungBesorgniserregend entwickelte sich mit steigender Lebensqualität der Menschheit das Anwachsen des Abfalls. Anfänglich versprach sich die Umweltschutz-Bewegung von einer bionischen Zukunft die Lösung dieses gravierenden Problems. Scheint doch das Prinzip dem Leben innezuwohnen, allen Abfall ordentlich zu entsorgen. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar, dass Organismen keineswegs „umweltbewusst“, handeln. Die Erfindung der Photosynthese in der Urzeit und die damit verbundene Sauerstofffreisetzung war eine ernsthafte Bedrohungen des Lebens auf der Erde. Das Umweltgift „Sauerstoff“ wurde nur langsam als neuer Rohstoff vom Leben akzeptiert. Es ist kein inhärentes organisches Prinzip, sondern es ist der Mangel, der das Leben zwingt, alles organische Material aufzuarbeiten. Mangel – man denke an die Zeiten nach den großen Kriegen – lässt Abfall gar nicht erst entstehen. Der Mangel in der biologischen Welt resultiert aus der Tatsache, dass die Evolution jede Nahrungsnische mit einer Organismen-Population besetzt, die sich bis an die Grenze des Möglichen vermehrt. Mangel walten zu lassen war keine Alternative um dem Besorgnis erregenden Anwachsen des Mülls Herr zu werden. Recycling musste verordnet werden. Doch der Aufbau einer technischen Kultur mit „erzwungenem“ Recycling wurde im 21. Jahrhundert zunehmend kostspieliger. Der Wunsch nach immer leistungsfähigeren technischen Produkten hatte zur Folge, dass die stoffliche Welt immer vielfältiger wurde. Die exotischen Produkte mussten mühselig zerlegt und die Rohstoffe wieder aufbereitet werden. In der Welt des Lebens ist die Wiederverwertung der Ausgangsstoffe einfacher. Organische Technik konstruiert – salopp gesehen – mit zwei Materialien, einem festigkeitsgebenden Stützmaterial (Knochen) und einem universellen Form- und Funktionsmaterial (Gewebe). Davon profitiert jeder Paläontologe, der Jahrmillionen alte Knochen und Schalen ausgräbt, während das Weichmaterial längst in den biologischen Kreislauf rückgespeist wurde. Durch diese simple Tatsache geleitet bekam die Materialwissenschaft im 21. Jahrhundert eine neue Aufgabe: Es galt, nicht möglichst viele neue Materialien zu erfinden; gewünscht war ein universelles supramolekulares Funktions- und Strukturmaterial, das in den verschiedenen Erscheinungsformen die Eigenschaft von Gummi, Glas, Leiter, Halbleiter, Isolator, Leuchtstoff, Energiespeicher, Schmierstoff, Kühlmittel, Kleber, u. a. übernehmen kann. Und ein solcher Stoff wurde mit der Erfindung der Protein-Mimese PROMIM geschaffen. Kennzeichen von PROMIM ist, dass es – getreu dem biologischen Vorbild – primär nur schwache Molekülbindungen eingeht (an Stelle einer starken kovalenten chemischen Bindung tritt z. B die Wasserstoffbrückenbindung). So lässt sich PROMIM leicht auseinanderbrechen, sodass die ursprünglichen molekularen Grundbausteine zurückerhalten werden. Damit setzt sich 2099 mehr und mehr die bioanaloge Recycling-Idee durch. Ein Fernseher, ein Kühlschrank, ein Auto, ein Haus besitzen z. B. eine tragende Struktur aus Aluminium, während der form- und funktionsgebende Rest mehr und mehr aus der Protein-Mimese PROMIM aufgebaut ist. Es gibt bereits einige Produkte, die zu 100 Prozent diese Zwei-Materialien-Technik verwirklichen. Und die Palette der reinen PROMIM-Produkte nimmt stetig zu. Es ist der Preis, der den Markt in der gewünschten umweltschonenden Weise reguliert. Denn der Preis eines technischen Gegenstands bestimmt sich 2099 immer aus dem Aufwand, der notwendig ist, um diesen Gegenstand ein 2. Mal aus demselben Material entstehen zu lassen. Wegwerfprodukte oder Produkte mit großem Recyclingaufwand sind so im Nachteil. Das Bild 12 zeigt die bioanaloge „Verkompostierung“ von PROMIM-Produkten unter der Zugabe eines den Zersetzungsprozess beschleunigenden Katalysators. |
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Bild 12: Alles auf einen Haufen - Verkompostierung von PROMIM-Produkten |
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Verunreinigungen, bedingt durch gezielte „Dotierung“ oder ungewollte Verschmutzung von PROMIM, werden durch ein künstliches Immunsystem (der Nachbildung des biologischen Saubermachers) entfernt. Der Immunisator ist ein Molekülkomplex, der Fremdstoffe gezielt erkennt und konglomerieren lässt, sodass diese ausflocken. Wer ein „dotiertes“ PROMIM-Produkt auf den Markt bringt muss den Immunisator mit zur Verfügung stellen. Zusammengefasst: Mit der Wende in das 22. Jahrhundert beginnt das Zeitalter der selbstorganisierenden replikativen Produktionstechnik mit bioanalogem Recycling. |
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Computer im bionische ZeitalterIn der Mitte des 21. Jahrhunderts musste eine Krise in der Computertechnik überwunden werden. Die Programme hatten eine Komplexität erreicht, dass sie von Menschenhirnen kaum noch gewartet, geschweige denn weiterentwickelt werden konnten. Schon damals wurden Möglichkeiten geprüft, um diese vorausgesehene Komplexitätsbarriere zu überwinden. Mit der so genannten genetischen Programmierung sollte z. B. Software sich selbst generieren. Schon bald konnten Mathematiker exakt beweisen, dass die Selbstprogrammierung eines klassischen Von-Neumann-Computers niemals schneller als mit exponentiellem Aufwand erfolgen kann, das heißt ein so genanntes NP-hartes Problem vorliegt. Selbstprogrammierung lässt sich nur durch einen evolutionsanalogen Prozess bewerkstelligen, und dieser erfordert das Vorhandensein einer starken Kausalität des Systems (kleine Änderungen → kleine Wirkungen). Einen Computer mit dieser Eigenschaft gab aber schon längst, nämlich das Gehirn. Der biologische Computer, der auf eine evolutionäre Programmierung angewiesen ist, arbeitet jedoch anders als der von Neumannsche Computer. Hardware und Software bilden eine geschlossene Einheit, in welcher das Prinzip der starken Kausalität erfüllt wird. Neuronale Netze sind evolutions- und lernfähig. Computer-Architekturen mit gehirnähnlichen neuronalen Strukturen verdrängten deshalb in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts endgültig den klassischen Computer. Die neuronalen Computer wurden nicht mehr auf konventionelle Weise programmiert, sondern vom Lehrer wie ein Schüler belehrt. Der „Programmierer“ konnte ein Zeichenprogramm entwerfen, indem er dem Computer die Grundoperationen des Zeichnens auf einem Grafiktablett vormachte. Doch dieses langwierige Belehren durch Vormachen wurde nur selten praktiziert. Man konnte sich neuronale „Hauslehrer“ vom GNN (Global Neural Net) herunterladen und so seinen Computer in der gewünschten Weise fit machen. Das anstehende 22. Jahrhundert wird als Beginn des neuronalen Zeitalters gefeiert: Das Gehirn und seine Arbeitsweise ist das Vorbild der Informationsverarbeitung. Das Global Neural Net, in dem die Neurocomputer weltweit zusammengeschlossen sind, ist um Größenordnungen leistungsfähiger als das World Wide Web vergangener Zeiten. Das GNN arbeitet wie ein überdimensionales Gehirn, in das komplizierte wissenschaftliche Fragestellungen eingegeben werden können. Die Antworten führen zu einer gewaltigen Erweiterung des menschlichen Wissens und zu sensationellen technischen Erfindungen. Mit dem Ausbau des GNN ist erstmals wieder eine Beschleunigung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts zu beobachten. Seit Gutenbergs Erfindung um 1440 war Drucken eine zweidimensionale Kunst. Ein elektronischer Gutenberg-Drucker gehörte Ende des 20. Jahrhunderts zu jedem Computer-Arbeitsplatz. Als dann das Rapid Prototyping entwickelt wurde stellte sich die Frage: Lässt sich ein Drucker bauen, der dreidimensionale Gegenstände in einer Art Nährlösung wachsen lässt? – Der 3D-Drucker wurde Mitte des 21. Jahrhunderts Wirklichkeit. Vorbild für seine Konstruktion war die durch Botenstoff-Diffusion gesteuerte biologische Ontogenese. An die Stelle der Botenstoffe traten elektrische und magnetische Felder, die Start und Stopp des räumlichen „Auskristallisierens“ eines protein-mimetischen Materials steuerten. Die ersten 3D-Drucker konnten lediglich einfache Spielzeugfiguren für Kinder erzeugen. Bald darauf waren einfache Gebrauchsgegenstände wie eine Suppenschüssel, eine Butterbrotdose, eine Zahnbürste, ein Kleiderhaken im Internet abrufbar, die mit einem Morphoprinter materialisiert wurden. Lange bestanden die Produkte der Morphoprinter aus einem homogenen Material. Ein Durchbruch gelang mit einer weiterentwickelten Morpho-Nährlösung, bei der sich auch die Materialeigenschaften über das variable elektrische und magnetische Feld räumlich verändern ließen. So kann im Jahre 2099 ein schickes Portmonee im Internet angewählt und per Telefertigung realisiert werden (Bild 13). |
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Bild 13: Aus der Betriebsanleitung für den MorphJet 7 |
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Eine andere epochale Erfindung im Jahr 2099 betrifft das PNN (Personal Neural Net). Die Miniaturisierung von Licht- Schall- Tast- Riech- und Schmecksensoren nach biologischem Muster sowie die gewaltige Assoziationsleistung neuronaler Chips machte es möglich, dass Menschen ihre persönliche Informationsaufnahme parallel in ein miniaturisiertes technisches Neuronennetz einspeisen und speichern können (Bild 14). So kann ein erlebnisreicher Urlaub rückwirkend in allen Einzelheiten reproduziert werden. Gegen Ende des 21. Jahrhunderts werden die Auswirkungen dieser Praxis kontrovers diskutiert. Denn mit dem Fortschreiten der neuronalen Computertechnologie und konsequenter Anwendung dieser parallelen Aufzeichnungstechnik entsteht so etwas wie ein gespeichertes Parallelwesen im PNN. Man diskutiert heiß darüber, was mit einem zukünftigen „Parallelgehirn“ nach dem Ableben der Trägerin oder des Trägers zu tun sei. |
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Bild 14: An künstliche Sinnesorgane angekoppeltes Paralleles Neuronales Netz (PNN) |
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Zweisprachig aufgewachsene Träger eines PNN vertreiben im Jahre 2099 die besten Neuro-Chips für die simultane Sprachübersetzung. Alle bisherigen Ansätze, synthetisch einen leistungsfähigen Sprachübersetzer zu programmieren, konnten das Sprachgefühl eines Menschen nicht erreichen. Erst das Assoziationsvermögen eines langzeittrainierten massiven neuronalen Netzes führte zum ersehnten Durchbruch. Der elektronische Dolmetscher, der nicht radebrechend hilft, sondern Lyrik in Lyrik umsetzt, ist 2099 verwirklicht. Aufsehenerregende Erfolge werden mit zweisprachigen PNN-Chips erzielt, die von verschiedenen Trägern stammen und nach dem Muster der Biologie auf einer höheren Organisationsstufe zusammengeschaltet werden. Im Jahr 1994 hatte Leonard M.Adleman gezeigt, dass Erbmoleküle (DNA-Moleküle) rechnen können, indem er ein einfaches Beispiel des Hamiltonschen Wegeproblems der Informatik im biochemi-schen Labor löste. Tatsächlich erinnert das Überschreiben der Erbinformation von der DNA auf die RNA für die Proteinsynthese an eine Turing-Maschine. Der DNA-Rechner 2099 ist aber eher wie ein Analogrechner vergangener Zeiten konzipiert. DNA-Rechenelemente sind Mikroflussreaktoren für die Strangreplikation, das Strangschneiden, die Sequenz-Insertion, die Sequenz-Deletion, die Sequenzselektion, die Sequenzlängenseparation bis hin zur Sequenzdetektion. Nachdem der Programmierer das Flussbild seiner Basisoperationen festgelegt hat, werden die elementaren Mikroflussreaktoren nach diesem Plan in das computergesteuerte Grundsystem eingesteckt. Dieser genetische Computer ist ein Exot. Er wird eingesetzt, wenn die Lösung eines Problems die vollständige Enumeration aller Möglichkeiten erfordert. Probleme dieser Art (von Mathematikern NP-hart genannt), für die es keine Lösungsalgorithmen gibt, werden in einer Welt zunehmender Komplexität immer zahlreicher. Mit einem DNA-Computer 2099 können parallel 1028 Lösungsmöglichkeiten durchmustert werden. 1028 entspricht z. B. der Zahl der Tiere, die in den letzten 500 Millionen Jahren auf unserer Erde gelebt gaben. Das Bild 15 zeigt einen DNA-Computer, wie er um das Jahr 2000 betrieben wurde. Tatsächlich wurden in den Anfängen der genetischen Rechentechnik DNA-Moleküle wie in einem Schulexperiment synthetisiert, rekombiniert, repliziert und selektiert. Bei den ausgereiften Modellen der DNA-Computer sind chemische Reaktionsgefäße nicht mehr sichtbar. Dreidimensionale Moleküloperationen in flüssiger Phase bleiben Grundlage der genetischen Rechentechnik. |
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Bild 15: Historischer DNA-Molekülcomputer aus dem Jahr 2000 |
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Bionische Robotik Die nach dem Ebenbild des Menschen geformten Roboter sind 2099 nicht wegzudenken. Es sind laufende, mit bionischen Händen versehene Maschinen (mit Kindchenschema), die den Besitzer unterhalten sollen (z. B. Halma spielen oder an Geschicklichkeitswettbewerben teilnehmen). Mit einer Palette von Zusatzgeräten können die humanoiden Unterhaltungsroboter auch nützliche Tätigkeiten verrichten, z. B. Rasen mähen, Staub saugen, Kranke pflegen, Kinder beaufsichtigen usw. Bei der Erkundung von Planeten und Monden des Sonnensystems haben auf sechs Beinen krabbelnde autonome Roboter die radgetriebenen Rovers völlig verdrängt. Es bestätigt sich, dass die biologische Lösung des Laufens unschlagbar ist, wenn es um das Fortkommen im unwegsamen Gelände geht. Das hat die biologische Evolution offensichtlich auch erfahren. Eine besondere Domäne im Jahre 2099 ist der Bau von Kleinst- und Superkleinst-Robotern. Schneckenähnliche Mikroroboter, so genannte Cochloiden, „fressen“ permanent den Schmutz von den Fensterscheiben (Bild 16). Und der Traum der Mediziner wird wahr: Superkleinstroboter (übersteigert Nanobots genannt) zirkulieren im Blutkreislauf, um uns unentwegt von Innen zu inspizieren. |
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Bild 16: Haushaltshilfe 2099 ― Cochloid beim Fensterputzen |
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Spezialroboter sind zu Lande, zu Wasser und in der Luft tätig. Die Schar der Unterwasserroboter für das Arbeiten im Meer und auf dem Meeresgrund teilt sich in zwei Gruppen. In der freien Wasserwelt operieren die Robofische. Sie sind, wie der Name andeutet, fischähnlich mit Heckantrieb durch eine Flosse. So wie im Flugzeugentwurf haben sich andere Lösungen als die der Evolution nicht durchsetzen können. Am Meeresboden wiederum agieren die Robokrabben. Auch hier gilt: Die Evolution hat in der Formgebung der Krabbe optimale Vorarbeit geleistet. Krabben halten sich auch bei starken Gezeitenströmungen auf den Beinen. Wird eine Brandung zu stark, gräbt sich der Gliederfüßler kurzzeitig im Sand ein. Und mit ihren 8 Beinen sind Krabben beim Überwinden von Hindernissen besonders robust. Bereits 1957 hatte der Schriftsteller Ernst Jünger in seinem Roman „Gläserne Bienen“ die Vision einer künstlichen Biene, die im Garten eines Industriemagnaten über Video die Besucher ausspioniert. Beginn des 21. Jahrhunderts haben dann Ingenieure methodisch und Modellflug-Enthusiasten mehr sportlich daran gearbeitet, kleinste Flugobjekte, so genannte Mikro Air Vehikel (MAV) nach dem Vorbild kleiner Vögel und Insekten zu erschaffen. Besonders ehrgeizig war das Projekt RoboFly an der Universität Berkeley, das den Bau einer piezoelektrisch angetriebenen künstlichen Fliege mit 2,5 cm Flügelspannweite zum Ziel hatte. Was dabei schließlich herauskam, war noch weit von dem entfernt, was eine echte Fliege kann. Aber RoboFly hat die Bioniker herausgefordert, es wieder und wieder zu versuchen. Erst seit 2090 gibt es die Libelloide, die es dem biologischen Vorbild gleichtun. Während frühere künstliche Libellen im Freiland rasch vom Winde verweht wurden, beherrscht der Libelloid 2099 die Kunst, auch bei Windstößen auf der Stelle stehen zu bleiben. Libelloide werden für die Überwachung enger Straßenschluchten, für die Umweltinspektion und für die Höhlenerkundung eingesetzt. Ein Libelloid kann durch U-Bahnschächte fliegend diese inspizieren. Er kann durch Abwasserkanäle hindurch fliegen, die für das Begehen durch einen Menschen zu klein sind. Gebäudeklimatische Messungen (Luftzirkulation, Temperatur, Feuchtigkeit) werden mit Schwärmen von Libelloiden durchgeführt. Lecks in Gasleitungen, schmorende Stromkabel und Schimmelnester werden durch Libelloide aufgespürt. Das Bild 17 zeigt das 2099er Modell eines Multifunktions-Libelloids. |
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Bild 17: Multifunktions-Libelloid (Modell 2099) |
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Die Entwicklung geht weiter. Es wird der Prototyp einer künstlichen Mücke angekündigt. Der Moskitoid soll einen Delinquenten (einschließlich Terroristen) unbemerkt durch einen schnell wirkenden Betäubungsstich kampfunfähig machen. Schwarm-Ingenieurwesen (Hesmonik) In den 1950er und ’60er Jahren war die Kybernetik in aller Munde. Dieser Wissenschaftszweig hatte das Ziel, Regelungs- und Steuerungsvorgänge in Biologie und Technik von einer übergeordneten Warte zu behandeln. Im 21. Jahrhundert hat die Hesmonik das Erbe der Kybernetik angetreten. Schwarmbildungen in Biologie und Technik werden von einer gemeinsamen Metaebene behandelt. Das Wort Hesmonik wurde aus dem Griechischen ©σμος = Bienenschwarm abgeleitet. Die Theorie der autonomen mobilen Schwärme spannt sich vom astrophysikalischen Vielkörperproblem über die Computeragenten bis hin zum wirbelnden Mückenschwarm und wimmelnden Ameisenhaufen. Die Entwicklung von Schwarmrobotern gilt als eine besondere Disziplin in den Ingenieurwissenschaften. Ein Schwarmroboter, kurz Schwarmbot genannt, besitzt die geeigneten Kommunikationskanäle, um mit den Nachbarn in ständigem Kontakt zu sein. Erst durch die Verbindungen entsteht die so genannte Schwarmintelligenz. Schwarmbots besitzen häufig Kopplungsglieder, mit denen sie sich bei Bedarf zu größeren Konstrukten selbst zusammenfügen können. Schwarmintelligenz wird ausgiebig in der Robotik genutzt. Neben dem klassischen Bauen mit Baggern, Kränen, Betonmischern und Stampfern etabliert sich 2099 eine Technik, die mehr der Kunst der Termiten gleicht. Handtellergroße grabungs-, kletter- und handhabungsfähige Bauroboter machen den Bauarbeitern Konkurrenz. Die in Massen agierenden Robotertermiten werden so programmiert, dass sie im Kommunikationsgefüge des Schwarms kunstvolle Bauten erstellen. Es ist die Aufgabe der Programmierer, das emergente Schwarmverhalten evolutionsstrategisch so zu modifizieren, dass aus der termitenbauähnlichen Plastik ein für den Menschen nützliches Bauwerk entsteht. Für gewisse Elementarbauten wie Mauer, Treppe, Säule, Bogen ist der Einsatz von Robotertermiten im Jahr 2099 Stand der Technik (Bild 18 ). |
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Bild 18: Robotertermiten errichten die Pfeiler einer Autobahnbrücke |
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Das Schwarm-Ingenieurwesen ist die Konsequenz der Roboterminiaturisierung. Was kann ein Zenti- Milli- oder gar Mikrometer messender Roboter schon bewerkstelligen, damit spürbare Resultate für den Menschen entstehen? Erst die Kooperation sehr vieler Miniaturroboter wird in der Mesowelt des Menschen Phänomene hervorbringen, deren Eigenschaften häufig eine neue Qualität besitzen. Schwarmbots operieren zu Lande, in der Luft und im Wasser in der Form von verteilten Systemen. Das Gebiet wird nicht seriell abgescannt, sondern der optimal verteilte Schwarm macht eine Momentaufnahme der zu messenden Umweltparameter. Roboterschwärme sind 2099 bei geophysikalischen Vermessungen, der Umweltüberwachung oder im Katastropheneinsatz nicht mehr wegzudenken. Autonome Unterwasserroboter betreiben Bergbau am Meeresboden, und ihre kleinsten „Artgenossen“ filtern Spurenelemente aus dem Meerwasser. Die Kunst der Programmierung dieser Filterroboter besteht darin, sie in einem steuerbaren Schwarm zusammenzuhalten. So kann der vom Schwarm herausgefilterte Stoff periodisch einfach abgeerntet werden. Ein Ölteppich wiederum wird durch schwimmende intelligente Roboter im kollektiven Schwarm wesentlich effektiver abgesaugt als es durch die klassischen Techniken möglich war. Eine besonders segensreiche Aufgabe vollbringen im Schwarm agierende krebsähnliche Roboter bei der Stopfung von Undichtigkeiten an Staudämmen und im Deichwesen. Schon im Keim werden undichte Stellen von den Stopfkrebsen aufgedeckt und kollektiv mit den bionischen Dichtmitteln Annelidin oder Ingerfem zugestopft (Bild 19). |
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Bild 19: Stopfkrebse dichten eine Deichwand |
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Im Jahr 2099 kommt eine neue Methode der Detektion von verschütteten Menschen zum Einsatz: Miniaturisierung der Mikro-Air-Vehikel und moderne Schwarmalgorithmen ermöglichen es, dass eine Wolke autonom fliegender Libelloide die Form einer Antenne annimmt, deren Geometrie sich optimal an das zu detektierende Signal anpasst. Die intelligente Antenne kann so ein Areal mit höchster Empfindlichkeit abscannen. Mit der selbstorganisierenden adaptiven Freiluftantenne kann das elektromagnetische Feld eines menschlichen EEG auf eine Entfernung bis zu 100 m detektiert werden. Das Verfahren erinnert an die Fähigkeit der Haie, im Meeresboden verborgene Beute durch Detektion ihres neuronal erzeugten elektrischen Feldes aufzuspüren (Bild 20). |
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Bild 20: Libelloide formen eine Schwarmantenne zur Detektion von Verschütteten unter einer Lawine |
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Ebenfalls neu ist 2099 die Verwirklichung einer lokal gezielten Schädlingsbekämpfung in der Land- und Forstwirtschaft durch Libelloide. Ein Schädlingsfraß setzt fast immer spezifische Duftstoffe der geschädigten Pflanze frei. Die mit Einmoleküldetektoren ausgerüsteten Libelloide eines Schwarms fliegen in windstillen Morgenstunden diese Duftquellen gezielt an und versprühen lokal ein Insektizid (Bild 21). Zum Alltag im Jahr 2099 gehört auch, dass Libelloid-Wolken als besondere Attraktion am Himmel, über Sportstadien und auch in Straßenschluchten dreidimensionale Reklamebilder formen. |
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Bild 21: Libelloid lokalisiert und eliminiert einen Kartoffelkäfer |
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Bionische Sensorik Die Empfindlichkeit biologischer Sensoren war und ist (auch 2099) die Herausforderung für die Messtechnik. Photorezeptoren sprechen auf ein Lichtquant an, Duftrezeptoren können die Menge von einem Molekül detektieren, und Haarzellenrezeptoren messen mechanische Verschiebungen von nur einem Zehntel des Durchmessers eines Wasserstoffatoms. Um die extreme Empfindlichkeit und hohe Selektivität der biologischen Signaldetektoren zu nutzen hatte die Wissenschaft der Biosensorik biotechnologisch-bionische Zwittersysteme entworfen. Das Herz eines Biosensors, die Region der Signalaufnahme, entstammte einem Organismus. Der Rest der Apparatur baute sich dagegen aus rein technischen Elementen auf. Es war der biologische Teil des Mess-Systems, der den Messtechniker nicht befriedigen konnte. Ein Biosensor musste am Leben erhalten werden und das machte ihn äußerst anfällig. Die Bioniker waren aufgerufen, den vollsynthetischen Biosensor zu entwickeln. Das ist in vielen Fällen gelungen. So kann im Jahr 2099 für fast jedes relevante Molekül ein vollsynthetischer Biosensor angeboten werden. Das Messprinzip imitiert ziemlich genau die Arbeitsweise biologischer Chemosensoren. Zuerst wird ein „Negativmolekül“ synthetisiert, an welches das zu detektierende Molekül andockt (Schlüssel-Schloss-Prinzip). Das so beladene Negativmolekül verwandelt sich in einen Katalysator, der einen chemischen Syntheseprozess in Gang setzt. Die Produkte dieses Prozesses wirken ihrerseits wiederum katalytisch und so fort. In einer solchen Katalysatorkaskade wird durch den anlaufenden Lawineneffekt die riesige Verstärkung erzielt, um das Andocken nur eines Signalmoleküls an das primäre Negativmolekül messbar zu machen (Bild 22). |
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Bild 22: Ein-Molekül-Detektion durch eine Katalysator-Kaskade |
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Eine Katalysatorkaskade zum Laufen zu bringen ist für den Chemiker das kleinere Problem. Viel schwieriger erweist sich das Stoppen der chemischen Syntheselawine. Das gelingt nur, wenn eine zeitlich versetzte Synthese von Stoppmolekülen die katalytischen Produkte wieder aufbricht. Die Konstruktion eines Einmolekülmessgeräts nach dem Vorbild der Natur gelingt deshalb nur mit Hilfe diffiziler regelungstechnischer Theorien. Nach dem Prinzip der Katalysatorkaskade wurden auch extrem empfindliche mechanische, akustische, magnetische und elektrische Sensoren entwickelt Der technische Nutzen dieser biologisch inspirierten Super-Sensoren ist immens. Künstliche Libellen, die mit Einmolekül-Sprengstoffsensoren ausgerüstet sind, spüren verborgene Sprengsätze auf. Es gibt 2099 so genannte Canisoren (künstliche Hundenasen), die mit einer Auswahl von Einmolekülsensoren auf Komponenten des menschlichen Schweißgeruchs spezialisiert sind. Künstliche Libellen, mit einem entsprechend geeichten Canisor bestückt, folgen so der Spur eines Verbrechers. Die Beobachtung, dass Tiere ein bevorstehendes Erdbeben spüren können, führte zur Entwicklung von Erdbeben-Frühwarndetektoren. Ausdünstungen der Erde, Infraschallemissionen und Magnetfeldanomalien werden mittels molekularer Kaskadensensoren gemessen. Die Eichung dieser komplexen Erdbeben-Frühwarnsensoren ist 2099 noch in vollem Gange. Bionische Ingenieur-AusbildungIm 20. Jahrhundert, der Sturm und Drang Zeit der Technik, wurden die Leistungen der Natur von technophilen Ingenieuren belächelt. Wo gab es in der Natur etwas Vergleichbares wie ein Kernkraftwerk, eine Rakete, eine Erdaußenstation, einen Jumbojet, einen Flugzeugträger. Diese Einstellung führte dazu, dass Natur und Technik mehr und mehr in einen Gegensatz gerieten. Und in der Ingenieur-Ausbildung wurde die Divergenz zwischen Biologie und Technik wie „die zwei Kulturen“ C. P. Snows sogar gepflegt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kam die Wende. Man begann, Technik in biologischen Kategorien zu denken. Die Devise der emporkommenden Bionik lautete, soviel Technik wie möglich naturanalog zu gestalten. Ingenieurstechnische Lösungen, die naturgemäß nicht von der biologischen Evolution „abgeschliffen“ wurden, geraten zwangsläufig in Konflikt mit der Umwelt. Denn die Techniken des Lebens haben sich im Zuge der Evolution aneinander anpassen und in die Umwelt einpassen müssen. Das Umweltgift „Sauerstoff“ wurde im Laufe der Zeit zum Lebenselixier. Bionik befasst sich grundsätzlich mit evolutionskonformen Lösungen. Diese Hinwendung zu einer biologischen Technologie hat schulische und universitäre Ausbildung stark reformiert. Bionik wurde im 21. Jahrhundert zum zentralen Grundlagenfach, vergleichbar mit der Physik im 20. Jahrhundert. Denn im Fach Bionik können technisches und biologisches Wissen parallel vermittelt werden. Ingenieure erhalten so ihre biologische Grundausbildung. Der Wandel technisch-naturwissenschaftlichen Denkens im 21. Jahrhundert zeigt sich auch darin, dass Theorien besonders gern am Beispiel biologischer Objekte entwickelt und geprüft werden (Bild 23). Pinguinrumpf, Delphinhaut und Haifischschuppe sind die Vorzeigeobjekte, um die Theorie laminarer, laminar instabiler und turbulenter Strömungen zu vergegenständlichen. Im Fach Bionik wird klargestellt, dass sich die Theorie der Unterschall-Aerodynamik in allen Finessen am Vogel verwirklicht findet. Die Theorie der Festkörperreibung (moderne Nanotribologie) wird unter Zuhilfenahme von Wüstentieren und Wüstenpflanzen abgehandelt. Die Finessen der mathematischen Optimierungstheorie werden aus den raffinierten genetischen Regeln des Vererbungssystems abgeleitet. Das klassische Gebiet der Werkzeugtechnik wird an der Werkzeugpalette der Natur abgehandelt, denn von der Ahle bis zur Zange ist hier alles vorhanden. Ähnliches gilt für die Messtechnik, deren Systematik vom Akustik- bis zum Zeilensensor zusätzlich an biologischen Vorbildern dargelegt werden kann. Und die ultraempfindlichen Messgeräte, die auf Katalysatorkaskaden aufbauen, sind ohne Biologiebezug sowieso nicht erklärbar. |
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Bild 23: Biologisch-technische Grundvorlesung für Ingenieure 2099 |
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Die Computertechnik hat sich im 21. Jahrhundert in starkem Maße auf die biologische Seite geschlagen. Durch den massiven Einsatz neuronaler Systeme mit holografischem Speichervermögen orientiert sich die Ausbildung in der Computertechnik zwangsläufig am Vorbild „Gehirn“. Ebenso hat die Fertigungstechnik im 21. Jahrhundert einen grundlegenden Wandel erfahren. Drehen, Bohren, Fräsen, Biegen, Pressen, Stanzen, Gießen, Schweißen und ähnlich grobe Operationen gehören ja der Vergangenheit an. Fertigung im Jahre 2099 heißt Nanotechnologie gekoppelt mit selbstorganisierendem Wachstum. Deshalb sind die Prinzipien der biochemischen Protein-Faltung und die Ontogenie-Gesetze der Biologie die Lehrinhalte einer neuen Fertigungstechnik. Bionik in Wissenschaft und ForschungMit dem ausgehenden 21. Jahrhundert kündigt sich das „beschworene“ nachwissenschaftliche Zeitalter an. Der wissenschaftliche Mensch ist sich der Grenze seiner Denkkapazität bewusst. Was er hat ersinnen können ist ersonnen worden. Mitte des 21. Jahrhunderts wurde erkennbar, dass sich die Wissenschaft zunehmend im Kreise dreht. Zwar werden immer wieder neue Denkansätze kreiert. Letztlich zeigt sich jedoch, dass nur da gewesenes in neuem Gewand wiederholt wird. Jede vermeintlich neue Idee kann in der unermesslich angewachsenen wissenschaftlichen Literatur nachträglich gefunden werden. Zwar werden – getreu dem Vorbild des Zusammenschlusses von Organismen auf einer höheren Organisationsstufe – gigantische interdisziplinäre Forschungs- und Wissenschafts-Verbünde organisiert, um die begrenzte Denkkraft des Einzelhirns zu potenzieren. Doch würde ein wirklich effektiver Gehirnverbund erfordern, dass der Mensch bereit wäre, einen Großteil seines freiheitlichen individuellen Denkens aufzugeben, um in einem Kastendasein dem Geistes-Verbund zu dienen. Dieser Weg wird aus ethischen Gründen nicht beschritten. Es gibt auch im auslaufenden 21. Jahrhundert mehr Wünsche denn je, dieses und jenes besser zu machen. Und es gibt weiterhin Welt-Probleme. Noch längst ist kein paradiesischer Zustand der Menschheit erreicht. In dieser Denk-Krise melden sich Anhänger der evolutionären Erkenntnistheorie zu Wort, und zwar mit dem Argument, dass die neuronale Informationsverarbeitung einen „Schöpfer“ hatte, nämlich die genetische Informationsverarbeitung. Wenn man nun weiter philosophiert und davon ausgeht, dass das erschaffende System über dem erschafften steht, sollte die genetisch-evolutive Informationsverarbeitung über der mentalen stehen. Kurz: Die genetisch-evolutive Informationsverarbeitung sollte mehr leisten als die mentale. Die Regeln der biologischen Evolutionsstrategie sind von den theoretischen Biologen mittlerweile gründlichst analysiert worden. Das lange als wunderliche Tatsache angesehene Phänomen, dass 90% der DNA scheinbar keine Aufgabe zukommt, hat eine überraschende Aufklärung erfahren: Es ist diese falsch eingeschätzte Abfall-DNA, die mit der so faszinierenden Informationsverarbeitung in unserem Gehirn vergleichbar ist und die raffinierten Regeln der biologischen Evolutionsstrategie codiert. Die Denkfabriken des wissenschaftlichen Zeitalters werden durch Evolutionsfabriken des evolutionstechnischen Zeitalters abgelöst. Schon in der Mitte des 21. Jahrhunderts wurden, in Anlehnung an die Max-Planck-Institute, die ersten Hermann-Hesse-Institute gegründet. Hier wird das visionäre Glasperlenspiel Hermann Hesses in der Form von Molekülspielen nach den genetischen Regeln der Evolution zur Realität. In einem Molekül-Synthetisierer werden die Grundmoleküle (native Aminosäuren, siliziumanaloge Aminosäuren) polymerisiert. Das sich durch atomare Kräfte knäulende Makromolekül wird im Fitness-Evaluator geprüft. Die Registriernummern der besten Molekülkonformationen gelangen in den Genotyp-Computer, der diese evolutionsstrategisch modifiziert. Eine solche „reale Molekülevolution“ in Reagenzglä-sern ist sehr zeitaufwendig. Das epochale Experiment des Hermann-Hesse-Instituts für evolutionsstrategische Molekültechnik, bei dem es gelang, sich selbstreproduzierende Molekülverbände auf Siliziumbasis (die erste Stufe künstlichen Silizium-Lebens) zu konstruieren, lief ununterbrochen drei Jahre (Bild 24). Im Jahr 2099 ist es möglich, mit einem speziellen Molekül-Neuronencomputer die Eigenschaft der aus den Grundmolekülen synthetisierten Makromoleküle vorauszuberechnen. Die Molekülevolution wird drastisch beschleunigt. Das reale Reagenzglasexperiment wird nur noch für eine verfeinerte Nach-Evolution angewendet. Die neue Fertigungstechnik mit sich selbstorganisierenden, wachsenden Materialien blüht. Mehr und mehr Zentren der Evolutionstechnik werden gegründet, in denen mittels neuronaler Supercomputer, die mit dem Global Neural Net (GNN) verbunden sind, neue bionische Moleküle evolutioniert werden. |
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Bild 24: Entwicklung eines Silizium-Replikatormoleküls Im Hermann-Hesse-Institut für evolutionsstrategische Molekültechnik |
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Auch evolutionskonforme Technik – das Ziel der Bionik – wird Probleme heraufbeschwören. Technikfolgeabschätzung, eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, wird weiterbetrieben. Der Weise Weltrat, ein Zusammenschluss der 1000 besten Denker der Menschheit, versucht die Folgen jeder neuen Technik zu hinterfragen. Dennoch, es gibt keinen Fortschritt ohne Fehler! Fehlentwicklungen müssen – getreu den Regeln der Evolution – rückblickend selektiert werden. Bionik in Politik und Management Nachhilfe in Biologie für Manager im Jahr 2000: „Mucksmäuschenstill ist es im Saal, und der Vortragende fährt fort: So wie sich ein Organismus selbst reguliere und auf Störungen der Außenwelt reagiere, genau so müsse ein Betrieb funktionieren. Die Voraussetzung dazu sei, die Komplexität der Abläufe innerhalb und außerhalb einer Firma zu erfassen. Dazu bedarf es ganzheitlichen Denkens. Ein System muss funktionieren, statt nur produktorientiert zu arbeiten, erklärt der Vortragende. Ellenbogenmentalität schade, Erfolg verspreche das Jiu-Jitsu-Prinzip: Negative Energie von Mitarbeitern müsse genutzt werden, nur die Richtung solle man steuern. Tosender Beifall. Mit den Worten: Haben Sie den Mut, Ihre Firma als Organismus zu begreifen, der sich selbst reguliert – dann sind Sie für die Zukunft gewappnet, beendet der Vortragende den Kurs. Frenetischer Jubel – auch so mancher knallharte Personalchef spendet minutenlang Applaus.“ Solche Gemeinplätze, zu finden auf einer Internetseite im Jahr 2000, haben aber bis 2099 nichts bewirkt. Wer eine Firma mit einem Organismus vergleicht, will sagen, dass hier Regeln des Organischen gelten. Eine Regel des Organischen ist der Mechanismus der Evolution, und Evolution mit von außen aufoktroyierten Zügen ist keine Evolution, sondern Steuerung. Um eine Moralitäts-Phrase des Vortragenden aus Jahr 2000 aufzunehmen: Ellenbogenmentalität ist unsittlich; das Eierlegen des Kuckucks in fremde Nester ist es auch. Aber die Evolution hat diese Strategie allein zum Vorteil des Kuckucks erfunden. Wenn alle Firmen nach den Maximen des Vortragenden agieren würden, wie kann die Einzelfirma damit die anderen noch schlagen? Der Manager im Jahr 2099 hat an einem Kurs für evolutionäres Management teilgenommen. Er weiß, dass die Vielfalt des Lebens durch die vielen Arten bestimmt wird. Jede Art besetzt einen Gipfel in der genetischen Berglandschaft. Und Lebewesen haben dann die größte Aussicht auf ein Überleben, wenn sie einen neuen Gipfel erobern und nicht mit Konkurrenten um die letzten Höhenmeter eines schon besetzten Berges ringen. Die Evolutionsforschung im 21. Jahrhundert hat die genetischen Mechanismen entdeckt (so genannte Innovations-Gene), mit denen die Evolution ihre Chance erhöht, in das Einzugsgebiet neuer Berge zu gelangen. Der Manager des Jahres 2099 kennt das zentrale Fortschrittsgesetz der Evolution, wie es sich aus der evolutionsstrategischen Fortschrittstheorie herleitet. Er beherrscht die Regeln, die aus der geringen Bandbreite des Fortschrittsfensters der Evolution folgen. Ein wenig zu zaghaft oder ein wenig zu forsch entschieden, und schon fällt er aus dem Evolutionsfenster heraus (Bild 25). |
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Bild 25: Entscheidungsfenster für den maximalen Fortschritt |
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Bei der Suche nach der richtigen Entscheidungsschrittweite bedient sich der Manager 2099 der so genannten Ein-Fünftel-Erfolgsregel. Sie besagt, dass maximaler Fortschritt dann erreicht wird, wenn im Mittel jeder fünfte Versuch ein Erfolg ist. Wer zaghaft entscheidet, wird zwar mehr Erfolge haben; aber es sind Mini-Erfolge. Der revolutionäre Manager wiederum würde bei Erfolg einen Riesenfortschritt erzielen, aber das geschieht zu selten. Die richtige Entscheidungsbreite ist das A und O in der Politik wie im Management. Das Kennen der Ein-Fünftel-Erfolgsregel hat zu Folge, dass der Vorstand in einem evolutionär geführten Unternehmen anders bewertet wird als vor 100 Jahren. Wer hintereinander zwei oder gar drei Fehlentscheidungen trifft wird längst nicht mehr gefeuert. Eine revolutionäre Vertriebs- und Fertigungstechnik verwirklichen 2099 die so genannten Darwin-Mendel-Fabriken. Die Firma microNN (NN steht für Neuronale Netze) hatte in den 60er Jahren des 21. Jahrhunderts damit angefangen. Evolutionsbiologen wissen, dass sich z. B. die Individuen einer Fliegenpopulation geringfügig voneinander unterscheiden; aber kein normaler Mensch würde es bemerken. Und so war es auch mit den Produkten von microNN; sie waren alle minimal modifiziert. Die Käufer wussten, dass sie Teilnehmer einer evolutiven Produktionsmethode waren. Deshalb waren die Darwin-Produkte von microNN ja auch preiswerter als die der Konkurrenz. Im GNN (Global Neural Net) konnte microNN jedes ihrer Produkte identifizieren. Die Güte des individuellen Verkaufsstücks ließ sich im Umfeld des Anwenders feststellen. Die Zuordnung „Nummer des Verkaufsstücks ↔ gemittelte Gebrauchsgüte des Verkaufsstücks“ ermöglichte es, die NeuroNetware mit einer (m, l)-Evolutionsstrategie weiterzuentwickeln. Der Fertigungscomputer sucht unter den l verkauften Stücken die m besten heraus, rekombiniert diese à la Mendel, mutiert Synapsengewichte und Netzstruktur à la Darwin und bringt die so individuell modifizierte NeuroNetware wieder auf den Markt (Bild 26). So erspart sich microNN ein aufwendiges teures Entwicklungslabor. Die strategischen Größen Elternzahl m, Nachkommenzahl l und Mutationsschrittweite d ergeben sich aus der evolutionsstrategischen Fortschrittstheorie. |
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Bild 26: Darwin-Mendel-Fabrik: Mutation und Kreuzung in der Fabrik, Selektion am Markt |
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Bionische Aspekte der Raumfahrt„Angenommen, die Evolution intelligenten Lebens hätte schon vor 500 Millionen Jahren im Meer stattgefunden, und die denkfähigen Unterwasserspezies hätten entschieden, auf eine Eroberung des Landes zu verzichten. Nicht auszudenken“ – sagen die Zeitgenossen 2099 und widmen sich intensiv der interstellaren Raumfahrt. Und wenn es dann so weit ist, soll die „Krönung der Schöpfung“ in den kosmischen Wettbewerb des Lebens hinausgeschickt werden. Es ist klar, dass interstellare Reisen des Menschen Jahrzehnte und länger dauern werden. Es war der Plan der Utopisten des 20. Jahrhunderts, in Raumschiffen künstlich beleuchtete Gärten anzulegen, um in einem natürlichen Kreislauf die Raumschiffatmosphäre, das Wasser und sonstige Stoffwechselprodukte zu regenerieren sowie zugleich Nahrung zu erzeugen. Doch „Sonne und Garten“ sind ein Erdrelikt, das nicht unbedingt zur Erfüllung der interstellaren Raumfahrtmission notwendig ist. Als Alternative stellen Bioniker Ende des 21. Jahrhunderts einen Kreisprozess namens Gaiatech vor, der in kompakter Form die Elementarprozesse des biologischen Kohlenstoff-, Sauerstoff-, Stickstoff- und Restelemente-Umlaufs nachbildet und dabei direkt an das elektrische Energieversorgungssystem eines Raumschiffs angeschlossen ist. Natürlich fehlt der Besatzung der entspannende Aufenthalt in einem Sonnen beschienenen Garten. Aber der gekünstelte Raumgarten kann mit der Perfektion der virtuellen Computerwelten im Jahre 2099 ohnedies nicht mithalten. – In einem Pilotversuch wurde das Kompaktsystem Gaiatech 2075 bereits für die Dauer von 10 Jahren erfolgreich in einer Erdumlaufbahn betrieben. In der Ausführung des Plans, Erdleben in den Kosmos auszusenden, scheiden sich die Geister. Die Einen wollen den Menschen (die Krönung der Schöpfung) als Original auf die Reise schicken. Sie gehen davon aus, dass es Menschen gibt, die das Sendungsbewusstsein in sich verspüren, auch als Zwischengeneration einer solchen Raumfahrtmission zu dienen. Die Anderen meinen, dass es genügt, primitivere Lebensformen hinauszuschicken. Auf einem erdähnlichen Planeten angekommen setzt dann eine Evolution der ausgewählten Leit-Organismen ein. Biologen und die Evolutionsstrategen im Jahr 2099 sind sich sicher, die Leit-Organismen zu kennen, von denen ausgehend die konvergenten Kräfte der Evolution auch wieder zu einem menschenähnlichen Wesen führen. Den Beweis für diese These sehen die Biologen in der Parallelevolution der Lebenswelt auf dem australischen Kontinent und dem Rest der Welt. Die Evolutionsstrategen wiederum bauen auf die Ergebnisse ihrer Computersimulationen. Da die Fertigungstechnik im Jahr 2099 die Selbstreplikation kennt und nutzt, plant man die Experimentierplattform einer Von-Neumann-Sonde (so genannt, weil der Mathematiker John von Neumann erstmals das theoretische Konzept eines autark sich selbst herstellenden Automaten entwickelt hat). Die Von-Neumann-Sonde ist so etwas wie ein lebendiges Raumschiff, das auf einem extrasolaren Planeten landet und die dortigen Rohstoffe verwendet um Kopien von sich selbst herzustellen. Die Von-Neumann-Kopien tanken schließlich Energie und starten zu weiteren extrasolaren Planeten (Bild 27). Anstatt Abermillionen von Raumsonden ins All zu schicken genügt so der Start einer funktionierenden Von-Neumann-Sonde, um die Galaxis kontinuierlich dichter werdend mit Botschaftern der Erde zu kolonisieren und dort Lebenskeime auszusetzen. |
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Bild 27: Von-Neumann-Sonden streunen in der Galaxie |
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„Terraforming der Venus“ heißt das Projekt, das zur Wende in das 22. Jahrhundert feierlich gestartet wird Der Astronom Carl Sagan hatte schon 1961 vorgeschlagen, die heiße Venus dadurch erdähnlich zu machen, indem man ihre Atmosphäre mit 1000 Raketenladungen von blau-grünen Algen besät. Solange die Algen in der oberen, noch kühlen Venusatmosphäre schweben, können sie aus dem Kohlendioxid den Sauerstoff herausspalten. Es würde ein Lawinenprozess in Gang gesetzt. Die Venus würde kühler werden, sodass terrestrisches Leben darauf existieren könnte. Statt mit Algen wird in dem Terraforming-Projekt des Jahres 2099 mit artifiziellen sich selbstreproduzierenden Ballon-Organismen gearbeitet, deren Schwebefähigkeit eine lange Verweilzeit in der oberen Venusatmosphäre gewährleistet (Bild 28). |
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Bild 28: Terraforming der Venus Ein Ballon versprüht ABOs (Artifizielle Ballon-Organismen) |
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Für die unbemannte Erkundung der Oberfläche der Planeten werden 2099 grundsätzlich autonome 6-beinige Laufroboter eingesetzt. Der radbetriebene Planet-Rover ist abgeschrieben. Zu häufig ist das Rad in einer Marswüste oder an einem Saturnstein gescheitert. Sofern die Planeten eine hinreichend dichte Gashülle besitzen erkunden vogel- und insektenähnliche Flugvehikel die weitläufigere Umgebung der Landestelle. Die MAVs (Mikro-Air-Vehikel) werden nach ihrer Mission mit einem künstlichen Spinnennetz wieder aufgefangen oder sie gehen sanft wie eine Libelle auf einer Landeplattform nieder. Bionik in Sport und SpielFliegen wie die Vögel, Schwimmen wie die Delfine, Tauchen wie die Wale und Springen wie die Kängurus – der Mensch möchte es im Spiele diesen Tieren gleichtun. So hatte er es auch niemals aufgegeben, den Schwingenflug der Vögel nachzuahmen. Und im Jahr 2066 war es dann so weit: Einem Holländer gelang es, sich im Muskelkraft-Schwingenflug für kurze Zeit vom Boden zu erheben. Aber der Muskelkraft-Schwingenflug blieb danach eine extravagante Betätigung für besonders leichtgewichtige Athleten. Dagegen war das muskelkraftbetriebene Flug-Surfen in der Mitte des 21. Jahrhunderts zu einem sehr beliebten Freizeitsport geworden. Vorbild für diese Fortbewegungsart sind die fliegenden Fische, die sich flossenschlagend energetisch optimal vom harten Medium Wasser abstoßen und den auftriebssteigernden und randwiderstandsmindernden Bodeneffekt zum Fliegen nutzen. Sämtliche das bodennahe Fliegen erleichternde Effekte führen dazu, dass Flug-Surfen nicht, wie Muskelkraft-Fliegen, nur Superathleten gelingt. Ebenfalls eine sehr beliebte Freizeitbetätigung wurde das Känguru-Hüpfen. Leichte anschnallbare Hüpfgeräte, die die Aufsprungenergie mit dem biomimetischen „Gummi“ Resilinex speichern und zum Absprung wieder freigeben, erlauben eine beschwingt lustvolle Überland-Bewegung (Bild 29). Einmal einen Meter hochgesprungen bedeutet, dass man auf hartem Untergrund ohne weiteres Schwungholen nach dem 50sten Aufsprung immer noch 60 cm hochschnellt. Anhänger dieser neuen Bewegungsart vergleichen das Hüpfen über Stock und Stein gar mit dem Fahrradfahren auf ebenem Gelände. |
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Bild 29: Känguru-Hüpfen 2099 mit Resilinex-Meilenstiefeln |
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Auto-, Motorboot- und Motorradrennen wurden Ende des 20. Jahrhunderts von den Ökoaposteln als Provokation angeprangert. Dennoch, der Mensch möchte auch im neuen Jahrhundert mal über die Stränge schlagen. Galten früher imponierende technische Grenzleistungen als sportliche Herausforderung, sind es Ende des 21. Jahrhunderts exotische biologische Leistungen, die den homo ludens faszinieren. So wird alle zwei Jahre im Rahmen eines Weltfestspiels das feierliche Lummobil-Rennen ausgetragen. Ein Lummobil ist ein motorisiertes Vierphasen-Fahrzeug, das sich auf dem Lande, auf dem Wasser, unter Wasser und in der Luft bewegen kann (Bild 30). Vorbild ist die einzigartige Leistung der polaren Lummen, die auf dem Lande laufen, auf dem Wasser schwimmen, unter Wasser tauchen und in der Luft fliegen können. Wer eine Dickschnabellumme in den vier Bewegungsdisziplinen hat beobachten können, wird den Eindruck nicht los, dass die Evolution hier alle Finessen hat anwenden müssen, um diese Leistungen halbwegs hinzubekommen. Die Regeln des Lummobil-Rennens lauten: Es ist ein 8000 Meter Rundkurs zu durchmessen, der mit einer zu überquerenden hindernisreichen Landstrecke von 2000 Meter Länge beginnt. Am Ende dieser Strecke liegt ein künstlich angelegter See, auf dem das Lummobil zunächst schwimmend die nächsten 1000 Meter zurücklegen muss. Danach wird abgetaucht, wobei unter Wasser gespannte Kabel unterschwommen werden müssen. Besonders pfiffige Lummobil-Piloten springen hinter jedem unterschwommenen Kabel nach Delfinart kurz aus dem Wasser, um den geringeren Luftwiderstand zu nutzen. Nach wiederum 1000 Meter Tauchstrecke muss die Trosse einer Boje umrundet werden. Der 180º Wende folgt der wohl schwierigste Teil des Rennens, wenn von der Unterwasserbewegung zum Flug in der Luft gewechselt wird. Dieser Phasenübergang ruft die größte Begeisterung bei den Zuschauern hervor, insbesondere wenn fortgeschrittene Lummobil-Piloten aus dem Wasser schießend unmittelbar in das Medium Luft überwechseln. Nach der Landung am Startpunkt muss der Rundkurs zwei weitere Male durchmessen werden. |
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Bild 30: Weltfestspiele 2099: Ein Lummobil geht in die Luft |
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Kürzlich wurde der internationalen Lummobil-Regel-Kommission der Vorschlag unterbreitet, den Parcours durch eine fünfte Schikane zu erweitern. Nach dem Vorbild des Sahara-Sandskinks soll nach der Landstrecke eine lockere Sandaufschüttung unterquert werden. Da dies als zu hochgesteckt erscheint ist geplant, den Sand vorerst durch ein leichteres Granulat zu ersetzen. Die Realisierung eines Fünfphasen-Fahrzeugs mit der Fortbewegung auf dem Land, unter dem Sand, auf der Wasseroberfläche, unter dem Wasser und in der Luft wird zur Herausforderung für das beginnende 22. Jahrhundert. Ebenfalls eine hochtechnische Sportart ist 2099 das Kiementauchschwimmen. Es gilt wie ein Fisch eine Unterwasserstrecke ohne mitgeführten Sauerstoff zu durchmessen. Wasser enthält, wie alle Fische demonstrieren, genügend Sauerstoff zum atmen (8 g O2 pro m3 ). Ein schwimmender Hai verbraucht 0,2 g O2 pro h und kg Körpergewicht; ein moderat schwimmender Mensch benötigt 5-mal so viel. Um seinen Sauerstoffbedarf zu decken muss demnach der Tauchschwimmer pro Stunde aus mindestens 10 m3 Wasser den Sauerstoff herauslösen. Dieses Kunststück ist den Ingenieuren durch technische Nachbildung der Struktur der Kiemenblättchen-Membran des Hais gelungen. Um die notwendige Wassermenge mit den künstlichen Kiemenblättchen in Kontakt zu bringen besitzen die Kiementauchanzüge 2099 auswärts gestülpte Branchien wie beim Axolotl (Bild 31). |
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Bild 31: Taucher beim Wettschwimmen mit Axolotl-Kiemen |
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Um im Kiemenwettschwimmen zu gewinnen muss ein diffiziles Optimierungsproblem gelöst werden. Wer schnell schwimmen möchte braucht viel Sauerstoff. Die Filtertentakel müssen verlängert werden und bremsen so den Schnellschwimmer. Verhalten zu schwimmen kann sich deshalb lohnen. Seit eh bewundert der Mensch den dynamischen Segelflug des Albatros, der durch seine raffinierte Flugbahn aus einem Scherwind Energie schöpft. Schon zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatten Segelflieger dieses trickreiche Flugmanöver erfolgreich imitiert, und es werden seitdem Meisterschaften im dynamischen Segelflug ausgetragen. 2055 gelang dann einem Europäer ein einmaliger Rekord. Er überquerte den Atlantik im dynamischen Segelflug. Das genaue Einhalten der antriebslosen Girlandenbahn nach dem Vorbild des Albatros wurde dabei durch ein Computer-Programm gewährleistet. |
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