Prof. Dr.-Ing. Ingo Rechenberg

Technische Universität Berlin
FG Bionik u. Evolutionstechnik

Sekr. ACK 1
Ackerstrasse 71-76
D-13355 Berlin

Tel.: ++49-30-314 72 655
Fax : ++49-30-314 72 655
Email: rechenberg@bionik.tu-berlin.de

 

Prof. Dr.-Ing. Ingo Rechenberg

                    Geb. 20. 11. 1934 in Berlin

Sport:          Welt- und Vizewelt­meister auf den Modellflugweltmeisterschaften 1954 in Odense/Dänemark.

Studium:      Flugzeugbau an der Technischen Universität Berlin und an der Universität Cambridge/England

Industrie:     Fokker Flugzeugwerke Amsterdam

Universität:  Promotion 1970; Habilitation 1971,

                   Seit 1972 Inhaber des Lehrstuhls „Bionik und Evolutionstechnik“ an der Technischen Universität Berlin,

                   (z. Z. kommissarischer Leiter)

Bücher:       Evolutionsstrategie, Optimierung technischer Systeme nach Prinzipien der biologischen Evolution (1973),

                   Evolutionsstrategie ’94 (1994),

                   Photobiologische Wasserstoffproduktion in der Sahara (1994)

Ehrungen:   Lifetime Achievement Award of the Evolutionary Programming Society/USA (1995),

                   Evolutionary Computation Pioneer Award of the IEEE Neural Networks Society/USA (2002),

                   Senior Fellow of the International Society for Genetic and Evolutionary Computation/USA (2003)

                   Visiting Fellow of the Shanghai Institute for Advanced Studies, Chinese Academy of Sciences (2005)     


Ingo Rechenberg (*1934 in Berlin) begann als begeisterter Modellflieger Wissenschaft zunächst spielerisch zu betreiben. Er wurde 1954 Vizeweltmeister in der Klasse A2 (heute F1A) und zusammen mit Rudi Lindner und Max Hacklinger zugleich Mannschaftsweltmeister. Hacklinger, Lindner und Rechenberg haben dann mit ihren vom Vogelflug inspirierten Flugmodellen Geschichte geschrieben [1, 2]. 1955 beginnt Ingo Rechenberg an der TU-Berlin bei Professor Heinrich Hertel mit dem Studium des Flugzeugbaus. Er ist als Praktikant bei den Focker-Flugzeugwerken in Amsterdam tätig und forscht als Stresemann-Stipendiat zum Thema „Messung der turbulenten Wandschubspannung“ für ein Jahr am Engineering Laboratory in Cambridge (England). Zurück in Berlin (zum Diplomabschluss fehlt noch das Studium Generale) hört er eine Vorlesung von Professor Johann-Gerhard Helmcke über Evolution. Von der Euphorie seines Professors angesteckt beginnt Rechenberg 1963 mit Würfel, Zirkel und Lineal Darwins Modell der Evolution am Beispiel der Entwicklung eines regulären Sechsecks auf dem Papier nachzuspielen. Am 12. Juni 1964, in einem Teestunden-Vortrag bei Professor Rudolf Wille am Hermann-Föttinger-Institut der TU Berlin, wird das Wort Evolutionsstrategie geprägt. Als Meilenstein gilt Rechenbergs Vortrag auf der gemeinsamen Jahrestagung der WGLR und DGRR am 16. September 1964 in der Berliner Kongresshalle mit dem Titel: „Kybernetische Lösungsansteuerung einer experimentellen Forschungsaufgabe“ [3]. Hier führt er das mittlerweile berühmt gewordene Darwin-im-Windkanal-Experiment vor, in dem eine zur Zickzackform gefaltete Gelenkplatte sich evolutiv zur ebenen Form geringsten Widerstands entwickelt.

1966 gründet Ingo Rechenberg zusammen mit Peter Bienert und Hans-Paul Schwefel die inoffizielle Arbeitsgruppe Evolutionstechnik an der TU Berlin. Es folgen entbehrungsreiche Jahre. Da Evolutionsstrategie nicht in das Arbeitsgebiet des Strömungsinstituts passt, werden die Mitstreiter der Arbeitsgruppe nacheinander entlassen. An die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gerichtete Förderanträge werden dauerhaft abgelehnt. Hans-Paul Schwefel verlässt die arbeitslose Arbeitsgruppe und kann bei der AEG in einem Großexperiment eine optimale Zweiphasen-Überschalldüse mit der Evolutionsstrategie entwickeln. Ingo Rechenberg promoviert an der TU Berlin, aufopfernd unterstützt von Professor Helmcke, dessen Evolutionsvorlesung die Entwicklung der Evolutionsstrategie auslöste. Unter dem Begriff „Die lernende Population“ stellt Rechenberg in seiner Doktorarbeit die Idee der Mutativen Schrittweiten-Regelung (MSR) vor. Auf die Promotion 1970 folgt 1971 die Habilitation und 1972 die Berufung von Ingo Rechenberg auf eine Professur für das Fachgebiet Bionik und Evolutionstechnik an die TU Berlin. 1973 erscheint Rechenbergs erstes Buch „Evolutionsstrategie – Optimierung technischer Systeme nach Prinzipien der biologischen Evolution“ [4]. Hans-Paul Schwefel kehrt zurück und promoviert 1975 bei Ingo Rechenberg. In seiner Promotion formuliert Schwefel die (My , Lambda)-ES, die sich nun als wichtigste Variante der Evolutionsstrategie erweist. In logischer Fortführung der Folge (1+1)-ES, (My +1)-ES, (My , Lambda)-ES entwirft Rechenberg 1978 die Evolutionsstrategische Algebra [5]. Algebraische Schreibweisen wie My/Rho, das Plus-Zeichen, das Mal-Zeichen, die Klammer in der Klammer  u. a. erhalten eine evolutionsstrategische Deutung. Das 1994 erschienene Buch Evolutionsstrategie ′94 bildet vorerst einen Abschluss der Theorie der Evolutionsstrategie von Rechenberg [6].

Ingo Rechenberg begreift Bionik als Studium und Nutzung von Ergebnissen der biologischen Evolution. und demzufolge die Evolutionsstrategie als Teilmenge der Bionik. Er entwickelt und patentiert 1975 das System Biofocus, eine Nachbildung des biologischen Akkommodationsprinzips. 1982 wird seine Konzentrator-Windturbine BERWIAN (Berliner Windkraft-Anlage) zum Patent angemeldet. BERWIAN kopiert das Prinzip der Strömungsbeschleunigung an einem gespreizten Vogelflügelende. Expeditionsreisen führen Ingo Rechenberg 1993 in die Antarktis, 1994 nach Spitzbergen und 1996 abermals in die Antarktis. Forschungsobjekte sind das „Unterwasser-Fliegen“ der Pinguine und Lummen sowie die Funktion der Deckfederreihen der antarktischen Raubmöve als Rückstrombremsen zur Verzögerung einer Strömungsablösung. Bereits seit 1982 begibt sich Rechenberg jährlich mit seinem Expeditionsfahrzeug in die Wüste Erg Chebbi am Rand der Sahara in Südmarokko. Hier sammelt Ingo Rechenberg in den 1980er Jahren Wasserstoff produzierende Purpurbakterien. In den 1990er Jahren erprobt er unter der Dauersonne der Sahara Photobioreaktoren, die für eine Artifizielle Bakterien-Algen-Symbiose (Projekt ArBAS) zur photobiologischen Wasserstoffproduktion konstruiert wurden [7]. Seit dem Jahr 2000 ist Rechenbergs spannendstes Forschungsobjekt der Sahara-Sandfisch, eine Glattechse, die mit kleinster Festkörperreibung und minimalem Abrieb unter dem Sand der Dünen schwimmt.

[1] Rechenberg I: Flugmessungen an einem Saalflugmodell. Der Flugmodellbau, 11, Febr. 1959.

[2] Rechenberg I: Drei neue Profilmessungen bei kleinsten Re-Zahlen. Der Flugmodellbau, 12, Juli 1960.

[3] Rechenberg I: Cybernetic solution path of an experimental problem. Royal Aircraft Establishment, Library Translation 1122, Farnborough, 1965.

[4] Rechenberg I: Evolutionsstrategie – Optimierung technischer Systeme nach Prinzipien der biologischen Evolution. Stuttgart, Fommann-Holzboog 1973.

[5] Rechenberg I: Evolutionsstrategien. In: Schneider B, Ranft U, Hrsg. Simulationsmethoden in Medizin und Biologie. Berlin, Springer 1978.

[6] Rechenberg I: Evolutionsstrategie ′94. Stuttgart, Frommann-Holzboog 1994.

[7] Rechenberg I: Photobiologische Wasserstoffproduktion in der Sahara. Stuttgart, Frommann-Holzboog  1994.