U-Boote nach dem
Vorbild der Pinguine
Mit Blick auf geniale Naturprinzipien entwickeln Forscher der Technischen
Universität Ideen für Windräder, Zeppeline und Flugzeugflügel
Von Bernd Ebeling
Die ehemaligen Fabrikhalle in Berlin-Wedding
erinnert an ein Kabinett für skurrile Erfindungen: Neben großen
Konstruktionen, die wie metallene Windmühlen aussehen, stehen dort
ungewöhnlich aussehende Flugzeugflügel, Laborgeräte, Wasserbekken
und allerlei Pinguinmodelle aus Kunststoff. An den Gerätschaften in
der sogenannten Bionik-Versuchshalle der Technischen Universität proben
Ingenieure und Wissenschaftler den Spagat zwischen Natur und Technik. Sie
versuchen, von der Natur zu lernen und ihre Beobachtungen in praktikable
Pläne für neuartige Schiffe, Flugzeuge oder Windkraftanlagen
umzusetzen.
"Die Bionik will eine Brücke schlagen von der Biologie zur Technik",
sagt Rudolf Bannasch, Mitarbeiter am Fachgebiet für Bionik und Evolutionstechnik.
Die Natur sei der Technik weit voraus, erklärt der Wissenschaftler
und führt als Beispiele dafür die hohe Empfindlichkeit von Hundenasen
für Gerüche an, die von keinem noch so hochentwickelten Detektor
erreicht werde. Oder die Grubenorgane von Schlangen, die äußerst
sensibel auf Wärmeunterschiede reagieren. "Aus den Vorbildern der
Natur ergeben sich effektive Lösungen für viele technische Fragen",
betont der Zoologe Bannasch. "Aber leider verstehen Biologen und Techniker
oft wenig vom Fachgebiet des anderen." Die Bioniker hätten sich deshalb
das Ziel gesetzt, "den Spagat zu schaffen".
Pinguine als Lehrmeister
Bannasch selbst sieht in den Pinguinen seine besten Lehrmeister.
Dank der Stromlinienform ihres Körpers erreichen die Tiere beim Tauchen
hohe Geschwindigkeiten und verbrauchen dabei wenig Energie: Mit einem Verbrauch
von umgerechnet einem Liter Benzin schaffen sie es, über 1 500 Kilometer
durch das Eismeer zu schwimmen. "Der Pinguin wurde im Verlauf der Evolution
von der Natur optimal geformt", sagt Bannasch bewundernd.
Um den außergewöhnlichen Fähigkeiten der Pinguine
auf die Spur zu kommen, haben er und seine Kollegen Monate bei den Tieren
in der Antarktis verbracht. Für die Studien wurde eine Art Aquarium
von über 20 Meter Länge aufgebaut. Aus ihren Beobachtungen an
den schwimmenden Tieren wollten die Wissenschaftler Anregungen für
neue Boots- und Flugzeugformen gewinnen.
Anders als Fische oder Delphine setzen Pinguine ihren Rumpf nicht
für die Schuberzeugung ein. Sie bewegen sich unter Wasser kraft ihrer
Flügel fort. Dabei bleibt der Körper bis auf leichte Schwingungen
fast starr. Das macht die Tiere für die Bioniker besonders interessant,
da Transportmittel wie U-Boote oder Flugzeuge ebenfalls mit starrem Rumpf
gebaut werden.
Um einen Modellkörper für ein solches Fahrzeug zu finden,
haben Bannasch und seine Kollegen flügellose Kunststoffmodelle von
unterschiedlichen Pinguinarten hergestellt und im Strömungskanal untersucht.
Anschließend bauten sie einen spindelförmigen Strömungskörper,
dessen Widerstand um bis zu 35 Prozent geringer ist als derjenige vergleichbarer
technischer Körper.
Würden Transportmittel in dieser Form gebaut, kämen
sie bei gleichem Energieverbrauch schneller voran als Fortbewegungsmittel
mit herkömmlichem Aussehen. Und bei gleicher Geschwindigkeit wären
sie sparsamer im Verbrauch. "Es könnte viel Energie eingespart werden,
und der Schadstoffausstoß könnte vermindert werden", so Bannasch.
Ein Liegerad mit aerodynamischer Außenverkleidung in Pinguin-Form
ist an der TU schon entwickelt worden. Als nächstes könnten Forschungs-Unterseeboote
oder Zeppeline auf der Grundlage des Berliner Strömungskörpers
gebaut werden, sagt Bannasch. Ein Modell für einen solchen Zeppelin
haben Studenten der Technischen Universität kürzlich im Windkanal
getestet.
In der Bionik-Versuchshalle sticht ein windmühlenähnlicher
Apparat ins Auge. Es handelt sich um den Windenergie-Konzentrator "Berwian"
(für: Berliner Windkraftanlage). Wie die Blütenblätter einer
Blüte umgibt ein großer Flügelkranz aus Metall einen Propeller.
"Mit dieser speziellen Konstruktion fangen wir Windenergie auf einem großen
Querschnitt ein und lenken sie auf die Flügel einer kleinen Turbine",
erklärt Alexander Mehlhorn, der sich in der Gruppe von Institutsleiter
Ingo Rechenberg mit der Weiterentwicklung der Anlage beschäftigt hat.
Im Prinzip funktioniert der Flügelkranz ähnlich wie eine Linse,
die Licht sammelt und im Brennpunkt konzentriert oder wie ein Trichter
zum Sammeln von Regenwasser. "Ein solcher Trichter vor der Turbine wäre
in der Praxis jedoch wirkungslos", erläutert Mehlhorn, "schließlich
läßt sich Wind, anders als Wasser, nicht durch einen Trichter
zwängen."
Windrad auf Energiefang
Bei "Berwian" standen große Seglervögel wie Geier oder Störche
Pate. Durch die aufgefächerten Federn am Flügelende entstehen
bei ihnen hinter dem Flügel viele Wirbel mit verstärkter Luftströmung
- "eine Art Strahlschub, der den Luftwiderstand vermindert", so Mehlhorn.
Was gut klingt, ist jedoch offenbar noch nicht reif für die
Praxis. So arbeiten herkömmliche Windräder wirtschaftlicher als
der in seinen Grundzügen schon Mitte der achtziger Jahre entwickelte
"Berwian". "Wir müssen noch an dem System arbeiten", räumt Alexander
Mehlhorn ein. Dabei habe "Berwian" durchaus Vorteile: Neben dem geringen
Verschleiß hebt Mehlhorn die einfache Konstruktionstechnik hervor
und die Möglichkeit, die auf die Turbine treffende Windenergie mit
dem Flügelkranz gut zu regulieren.
Durch Beobachtungen am Vogelflügel entstand auch eine Idee, die
Flugzeuge sicherer machen soll. Infolge der gewölbten Form der Tragflächen
fließt die Luft auf der Oberseite von Flugzeugflügeln schneller
als auf der Unterseite und es entsteht ein Sog, der das Flugzeug trägt.
Wenn ein Flugzeug - etwa infolge defekter Instrumente - mit allzu steilem
Anstiegswinkel fliegt oder abrupt die Richtung ändert, kann der Luftstrom
über den Tragflächen plötzlich abreißen. Wird der
Steuerfehler nicht rechtzeitig korrigiert, kommt es zum Absturz. Dies war
wahrscheinlich die Ursache für ein Unglück im vergangenen Jahr,
bei dem eine Maschine der Gesellschaft "Birgen-Air" vor der Dominikanischen
Republik wie ein Stein vom Himmel fiel.
Die Berliner Wissenschaftler haben beobachtet, daß sich
bei Vögeln in solch kritischen Situationen einige Deckfedern auf der
Flügeloberseite abheben. Dadurch wird verhindert, daß die Luftströmung
abreißt.
Mit einer deckfederähnlichen Konstruktion, so nehmen die TU-Forscher
an, müßte sich auch die Stabilität von Flugzeugen verbessern
lassen. Versuche im Windkanal verliefen erfolgversprechend. Die von den
Forschern entwickelten Rückstromklappen stellten sich selbständig
auf, wenn die Tragfläche in einen zu steilen Winkel gedreht wurde.
"Die Praxistests an Motorseglern in der Luft verliefen unglaublich
gut", sagt Werner Müller, der an der Entwicklung beteiligt war. Nach
dem Auslaufen des gemeinsamen Projekts mit der Deutschen Gesellschaft für
Luft- und Raumfahrt und dem Strausberger Flugzeughersteller Stemme hoffen
die Berliner Wissenschaftler nun auf weitere Förderung.
Patentlösung vom Klapperstorch
Deutschlands größte Bionik-Forschergruppe
an der TU Berlin
In einem alten Fabrikgebäude aus Backstein im Berliner
Stadtteil Wedding ist seit 1973 Deutschlands größte Bionik-Forschergruppe
untergebracht. Unter den
zeitweise bis zu 15 Mitarbeitern um Fachgebietsleiter Ingo Rechenberg
sind Biologen, Ingenieure, Mathematiker und Physiker vertreten. Ziel der
Wissenschaftler ist es, von "Patentlösungen" zu lernen,
die die Natur im Verlauf von Jahrmillionen beispielsweise für die
Fortbewegung in der Luft oder im Wasser hervorgebracht hat. Dazu beobachten
und untersuchen sie Tiere wie Pinguine, Störche, Haie oder Delphine
. Aber nicht nur die Ergebnisse, auch der Evolutionsprozeß interessiert
die Forscher. Das Prinzip, nach dem die Natur durch spontane Erbgutveränderung
und anschließende Auslese neue Arten entstehen läßt, nutzen
sie beispielsweise zur schrittweisen Optimierung von Kaffee- und Farbmischungen
.
Derzeit absolvieren jedes Semester etwa 100 angehende Ingenieure
an der
TU Praktika in Bionik und Evolutionstechnik. Außer in Berlin
wird Bionik
hierzulande nur noch in Saarbrücken gelehrt. Dort untersucht
eine Gruppe um
den Biologie-Professor Werner Nachtigall unter anderem den Vogel-
und
Insektenflug . In den USA, wo das Fach "Biomimetics"
heißt, engagieren sich
etliche Arbeitsgruppen. Auch in Rußland und der Ukraine gibt
es viele Bioniker.
Mit ihnen wollen die Berliner Forscher bald verstärkt zusammenarbeiten.
ebe |