Der
Computer als Kaffeemaschine
Berliner Forscher sorgen mit einem Softwareprogramm für gleichbleibende
Qualität
Von Anja Schreiber
Der Computer bestimmt
das Mischungsverhältnis, der Tester Michael Herdy überprüft
die Geschmacksrichtung.
Foto: Local
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Für den Verbraucher hat ein Markenkaffee immer den gleichen Geschmack.
Egal, ob man ihn heute oder in einem Jahr kauft. Und das, obwohl z.B. durch
Ernteausfälle in einzelnen Ländern immer wieder ein neues Mischverhältnis
gefunden werden muß.
Zuständig für den gleichbleibenden Geschmack sind Experten
aus der Kaffeebranche. Sie mischen und testen verschiedene Kaffeesorten
so lange, bis sie den gewünschten Geschmack eines Markenproduktes
erreichen. Auch Wissenschaftler des Fachgebietes Bionik und Evolutionstechnik
der Technischen Universität Berlin (TU) beschäftigen sich mit
der Frage, wie man bei unterschiedlichen Mischungsverhältnissen den
gleichen Geschmack trifft.
Im Gegensatz zur Kaffeebranche setzen sie nicht auf das Fachwissen eines
einzelnen Experten, sondern auf die sogenannte "Evolutionsstrategie". Mit
ihr optimieren die Wissenschaftler technische Abläufe oder Produkte
so, wie das in der Biologie durch die Evolution geschieht.
Diplom-Ingenieur Michael Herdy hat eine computergesteuerte "Kaffeemaschine"
entwickelt, die ohne Zutun des Menschen unterschiedliche Kaffeesorten in
einem bis auf Milliliter festgelegten Verhältnis mischt. Ausgehend
von einer Anfangsmischung erstellt der Computer fünf neue Varianten,
indem die "Kaffeemaschine" per Zufall alle Mischungsbestandteile neu kombiniert.
Enthält die Anfangsmischung beispielsweise 15 Milliliter kolumbianischen
Kaffee, 24 Milliliter Kaffee aus Sumatra und drei weitere Kaffeesorten,
beinhalten die neuen Varianten beispielsweise zwischen zwölf und 20
Milliliter des kolumbianischen Kaffees. Welche der fünf vom Computer
vermischten Kaffees am ehesten den Geschmack des angestrebten Markenkaffees
entsprechen, wird vom Tester beurteilt - der Computer kann diese subjektive
Entscheidung nicht fällen. Die Variante mit dem ähnlichsten -
also besten - Geschmack wird wieder zum Ausgangspunkt eines neuen Zyklus.
Der Computer erstellt vom ausgewählten Kaffee neue Varianten.
Vergleichbar ist dieser Vorgang mit der sogenannten subjektiven Selektion
in der Natur. Durch Mutationen der Erbanlagen entstehen neue Merkmale,
die Tieren eine bessere Anpassung an die Umgebung ermöglichen. Bei
der Berliner Firma "Union Kaffee GmbH" wurde das Verfahren in Zusammenarbeit
mit der TU exemplarisch erprobt und der Kaffee nach dieser "evolutionsstrategischen
Methode" geschmacklich optimiert. Begonnen wurde mit einer Startmischung,
die nach Meinung der Tester sehr weit vom Geschmack des Markenkaffees entfernt
war. Mit der Evolutionsstrategie gelang es der "Kaffeemaschine" innerhalb
von elf Zyklen, den Kaffeegeschmack so zu optimieren, daß die Tester
keinen Unterschied zum Markenkaffee mehr ausmachen konnten.
Herdy sieht in diesem Optimierungsverfahren einen weiteren Vorteil:
Der Computer könnte nämlich auch errechnen, welche Kaffeemischung
bei gleichem Geschmack aus kostengünstigeren Kaffeesorten besteht
und damit die preisgünstige Mischung ermitteln.
Das Verfahren läßt sich auch auf Tee, Kakao oder Whisky anwenden,
da sich diese Produkte wie der Kaffee ebenfalls aus einer Vielzahl von
Substanzen zusammensetzen. Auch außerhalb der Lebensmittelbranche
ist eine Anwendung möglich, z.B. um Fliesenglasuren oder Kompositionen
von Farbtönen zu entwickeln. TU-Ingenieur Herdy will die innerhalb
des Forschungsobjektes "Einsatz der Evolutionsstrategie in Wissenschaft
und Technik" gewonnenen Erkenntnisse jetzt in einer spezialisierten Softwarefirma
kommerziell anwenden.
©Berliner Morgenpost 1998
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