uni 06. März 1998
 
Der Computer als Kaffeemaschine  

Berliner Forscher sorgen mit einem Softwareprogramm für gleichbleibende Qualität  

Von Anja Schreiber  



 
Der Computer bestimmt das Mischungsverhältnis, der Tester Michael Herdy überprüft die Geschmacksrichtung. 
Foto: Local Images  

Für den Verbraucher hat ein Markenkaffee immer den gleichen Geschmack. Egal, ob man ihn heute oder in einem Jahr kauft. Und das, obwohl z.B. durch Ernteausfälle in einzelnen Ländern immer wieder ein neues Mischverhältnis gefunden werden muß. 

Zuständig für den gleichbleibenden Geschmack sind Experten aus der Kaffeebranche. Sie mischen und testen verschiedene Kaffeesorten so lange, bis sie den gewünschten Geschmack eines Markenproduktes erreichen. Auch Wissenschaftler des Fachgebietes Bionik und Evolutionstechnik der Technischen Universität Berlin (TU) beschäftigen sich mit der Frage, wie man bei unterschiedlichen Mischungsverhältnissen den gleichen Geschmack trifft. 

Im Gegensatz zur Kaffeebranche setzen sie nicht auf das Fachwissen eines einzelnen Experten, sondern auf die sogenannte "Evolutionsstrategie". Mit ihr optimieren die Wissenschaftler technische Abläufe oder Produkte so, wie das in der Biologie durch die Evolution geschieht. 

Diplom-Ingenieur Michael Herdy hat eine computergesteuerte "Kaffeemaschine" entwickelt, die ohne Zutun des Menschen unterschiedliche Kaffeesorten in einem bis auf Milliliter festgelegten Verhältnis mischt. Ausgehend von einer Anfangsmischung erstellt der Computer fünf neue Varianten, indem die "Kaffeemaschine" per Zufall alle Mischungsbestandteile neu kombiniert. Enthält die Anfangsmischung beispielsweise 15 Milliliter kolumbianischen Kaffee, 24 Milliliter Kaffee aus Sumatra und drei weitere Kaffeesorten, beinhalten die neuen Varianten beispielsweise zwischen zwölf und 20 Milliliter des kolumbianischen Kaffees. Welche der fünf vom Computer vermischten Kaffees am ehesten den Geschmack des angestrebten Markenkaffees entsprechen, wird vom Tester beurteilt - der Computer kann diese subjektive Entscheidung nicht fällen. Die Variante mit dem ähnlichsten - also besten - Geschmack wird wieder zum Ausgangspunkt eines neuen Zyklus. Der Computer erstellt vom ausgewählten Kaffee neue Varianten. 

Vergleichbar ist dieser Vorgang mit der sogenannten subjektiven Selektion in der Natur. Durch Mutationen der Erbanlagen entstehen neue Merkmale, die Tieren eine bessere Anpassung an die Umgebung ermöglichen. Bei der Berliner Firma "Union Kaffee GmbH" wurde das Verfahren in Zusammenarbeit mit der TU exemplarisch erprobt und der Kaffee nach dieser "evolutionsstrategischen Methode" geschmacklich optimiert. Begonnen wurde mit einer Startmischung, die nach Meinung der Tester sehr weit vom Geschmack des Markenkaffees entfernt war. Mit der Evolutionsstrategie gelang es der "Kaffeemaschine" innerhalb von elf Zyklen, den Kaffeegeschmack so zu optimieren, daß die Tester keinen Unterschied zum Markenkaffee mehr ausmachen konnten. 

Herdy sieht in diesem Optimierungsverfahren einen weiteren Vorteil: Der Computer könnte nämlich auch errechnen, welche Kaffeemischung bei gleichem Geschmack aus kostengünstigeren Kaffeesorten besteht und damit die preisgünstige Mischung ermitteln. 

Das Verfahren läßt sich auch auf Tee, Kakao oder Whisky anwenden, da sich diese Produkte wie der Kaffee ebenfalls aus einer Vielzahl von Substanzen zusammensetzen. Auch außerhalb der Lebensmittelbranche ist eine Anwendung möglich, z.B. um Fliesenglasuren oder Kompositionen von Farbtönen zu entwickeln. TU-Ingenieur Herdy will die innerhalb des Forschungsobjektes "Einsatz der Evolutionsstrategie in Wissenschaft und Technik" gewonnenen Erkenntnisse jetzt in einer spezialisierten Softwarefirma kommerziell anwenden. 


©Berliner Morgenpost 1998 
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